Schöner Schwingen in der Kunsthalle Schirn

Ann Lislegaard · «!», 2002, Blick in die Ausstellung

Ann Lislegaard · «!», 2002, Blick in die Ausstellung

Besprechung

Welche Reize wir wahrnehmen, hängt von unseren individuellen Schwellenwerten ab. Im Schwingungsfeld von «Frequenzen» beispielsweise befinden sich die Besucher möglicherweise schon früher, als sie es vermuten würden. Wer seinen Rundgang im Obergeschoss bei der Eintrittskontrolle zu beginnen glaubt, hat bereits mehrere Arbeiten passiert. Mark Bains «Pill» etwa, eine unter der Decke des quaderförmigen Vorbaus angebrachte Stahlkapsel, die über einen Oszillator zum Resonanzkörper wird: Zumindestens potenziell kann in der Kunstpille das Zeug zu einem alles andere als harmlosen Homöopathikum gegen die Standhaftigkeit des Gebäudes stecken, das sie vorerst allerdings nur unmerklich erzittern lässt.

Schöner Schwingen in der Kunsthalle Schirn

Ebenso leicht mag einem Carsten Nicolais Sound- und Lichtimpulse sendendes «sinus-licht» entgehen: So manchen an den optischen und akustischen Geräuschpegel der Grosstadt gewöhnten Augen und Ohren gelten solche Reize als subliminal. Spätestens auf dem Weg nach oben jedoch holen uns die «Frequenzen» ein, hinterrücks sozusagen: Sobald wir die kaum sichtbar in die Treppenstufen eingelassene Schwelle überschreiten, folgt uns ein Echo – «Four Steps Delayed» – auf Schritt und Tritt. Hier bietet Ann Lislegaards Arbeit einen leichten Einstieg ins Thema der Ausstellung, in der im Mittelpunkt steht, was Geräusch und Sprache, Stimme und Sound, Musik und Muzak miteinander verbindet: Frequenzen eben, jene Schwingungen, die uns nicht nur hören, sondern auch fühlen und sehen machen können – wenn sie die richtigen Resonanzflächen finden.

Zweifellos ist das vom dänischen Gastkurator Jesper N. Jørgensen eingerichtete Projekt, mit dem der neue Direktor Max Hollein sein Debüt gibt, ein Signal, das der Schirn neue Publikumsgenerationen erschliessen soll. Diejenigen nämlich, die eine ganze Reihe der eingeladenen Künstler eher über ihre Musikproduktionen und über die Labels kennen: Daniel Pflumms «Elektro Music Departement» oder Carsten Nicolais «Raster Noton» etwa. Und tatsächlich gibt es auch ein von Jørgensen und Nicolai arrangiertes Rahmenprogramm mit Perfomances, deren Protagonisten den einschlägig Interessierten bislang eher in Clubs begegnen konnten. Dennoch verwahren sich die Gastgeber gegen jeglichen Verdacht, dabei dem so genannten «Crossover zwischen Kunst und Popkultur» huldigen zu wollen, wie es seit Mitte der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts fast schon notorisch als Verjüngungsprogramm für so manchen altgedienten Musentempel herhalten musste. Zu Recht: Mit «Pop» hat diese Ausstellung nur wenig zu tun – selbst dort, wo entsprechende Referenzen aufblitzen wie in Angela Bullochs «Geometric Audio Merge», einer Arbeit, die das in Diskos der Siebziger so beliebte Glastanzdielenprinzip in eine minimalistische Skulptur transformiert. Das Gros der Exponate schlägt allerdings deutlich die nachgerade traditionellen Tonarten der künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts an. So finden sich manche Anklänge an die Synästhesieexperimente, mit denen ihrerzeit sowohl Komponisten wie Alexander Skrjabin als auch bildende Künstler wie Wassily Kandinsky in neue Dimensionen vorzudringen hofften, und einige Arbeiten scheinen sich sogar auf die Spuren einer «Ikonographie des Unsichtbaren» begeben zu wollen, wie sie die Esoteriker der Moderne auch in den Künsten hinterlassen haben. Allerdings handelt es sich im Fall von Ann Lislegaards unheimlich belebt anmutendem, weil zum Atemrhythmus pulsierenden roten Lichtfleck «!» nicht um eine Geisterscheinung, sondern schlicht um präzis aufeinander abgestimmte Signale; Ryoji Ikedas Blitze werden nicht von den Göttern, sondern von einem Stroboskop geschickt – auch wenn man beim Gang durch seinen Lichtkorridor leicht den Boden unter den Füssen verlieren mag, akustisch gar glauben gemacht wird, auf Wasser zu wandeln. Selbst Carl Michael von Hauswolff, der sich in seiner «Parasitic Electronic Seance» explizit auf die Spökenkiekerei eines überzeugten Parawissenschaftlers beruft, der mit dem Tonband den Stimmen Verstorbener nachzuspüren trachtete, bezieht seine Signale nicht aus dem Jenseits, sondern direkt aus dem Stromnetz der Schirn.

Als weiteres Bindeglied zur klassischen Kunstgeschichte bieten sich die «Minimalismen» der sechziger Jahre an. Und zwar sowohl im Positiven, wenn schlüssige Konzepte in klare, aufs Wesentliche reduzierte und zugleich einen ästhetischen Mehrwert produzierende Formen umgesetzt werden – was nicht zuletzt der von Nikolaus Hirsch und Michel Müller entwickelten Ausstellungsarchitektur aus weissen Schaumstoffquadern gelingt, die den Exponaten einen idealen, nämlich funktionalen und gleichwohl selbst schon skulpturalen Rahmen bietet. Als auch im Negativen – insofern manche Arbeit an eben jenem theatralischen Pathos der Objekthaftigkeit krankt, das Michael Fried bereits mit Blick auf die «miminal art» der sechziger Jahre vermahnte, wie etwa Carsten Nicolais überdimensionierter Labortisch «Frozen Water». Wesentlich konsequenter geht da ein Künstler wie Franz Pomassl vor, der mit Sound und Raum allein erreicht, was sich Richard Wagner von seinen wesentlich bombastischer angelegten «Gesamtkunstwerken» erträumte: Wer sich allzu lange den tiefschwingenden Sinustönen aussetzt, mit denen Pomassl die Schirnrotunde bespielt, wird den Ort des Geschehens wenn nicht auf einer Bahre, so doch ganz sicher mit weichen Knien verlassen.

Wenn also Grenzen überschritten werden in dieser Ausstellung, dann ganz sicher nicht diejenigen zur Popkultur, und wenn in den «Audiovisuellen Räumen» medien- und genreübergreifend gearbeitet wird, so dominiert als übergreifendes Bezugssystem der Rahmen der bildenden Kunst. Das bedeutet allerdings auch, dass die Signale einer Gruppe wie Ultra Red, die mit ihren Arbeiten politische Ansprüche verbindet, aus dem Foyer der Kunsthalle gesendet eher schwach ausfallen – während Daniel Pflumms mittlerweile schon klassisches Video «neu», weiland als Werbetrailer für die gleichnamige Berliner Galerie gedreht, mit seinem computergenerierten Soundtrack optisch gemorphter Marken-Muzak umso stimmigere Untertöne einzuspielen versteht.
Bis 28.4.

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