Corinne Wasmuht im Gespräch

Corinne Wasmuht (*1964 in Dortmund, 1983–92, Kunstakademie Düsseldorf), hat zur Zeit eine Gastprofessur an der Kunstakademie Karlsruhe.

Corinne Wasmuht (*1964 in Dortmund, 1983–92, Kunstakademie Düsseldorf), hat zur Zeit eine Gastprofessur an der Kunstakademie Karlsruhe.

Bildarchiv

Bildarchiv

Fokus

Die Malerin Corinne Wasmuht stellt im Kunstverein in Hamburg erstmals ihr Archiv aus, das ihr als visuelle Grundlage der Malerei dient. Aus diesem Anlass entstand folgendes Gespräch über die Bedeutung des über Jahre zusammengetragenen Bildmaterials.

Corinne Wasmuht im Gespräch

Michael Krajewski: Du sammelst systematisch Bilder als Vorlagen für deine Gemälde. Wo suchst, archivierst, kategorisierst oder ordnest du sie?

Corinne Wasmuht: Ja, ich sammle ständig Bildmaterial, hauptsächlich Fotos. Nicht systematisch, der Zufall spielt dabei eine grosse Rolle. Die meisten stammen aus Zeitschriften, die schneide ich aus und lege sie in einen grossen Karton, um sie erst Wochen später zu sortieren. Wenn ich konkret Fotos für ein bestimmtes Bild suche, dann in Fachbüchern oder im Netz.

MK: Gibt es Ordnungskategorien?

CW: Anfang der Achtziger habe ich in Buenos Aires haufenweise Fotos von Baumkronen gemacht, um sie als Vorlage für ein Bild zu verwenden. Diese Fotos waren mir aber zu subjektiv und so fing ich an, «objektive» Baumfotos aus Reiseprospekten zu sammeln. Dafür legte ich einen Laub-Ordner an. Dann erweiterte ich diese Laub-Collagen zu Zypressen-, Wiesen-, Palmen-, oder Blumen-Collagen. Vom Laub-Ordner kam ich zu einem Früchte-Ordner, dann zu Fressalien-Platten aus Reiseprospekten, zu Swimmingpools, Schlafzimmern und Hotellobbys. Darauf sieht man beispielsweise fünf Kellner hinter den Fressplatten, so gab es also Gesichter und Menschen. Die ersten Ordner besitze ich noch und erweitere sie auch: Aus dem Wasser-Ordner mit Aufnahmen von Küsten, Brandung, Schnee, Eis, Wolken entstand ein Schneegipfel-Ordner, ein Gletscher-Ordner, ein Wassertropfen-Ordner, ein Ringe-im-Wasser-Ordner, ein Unterwasser-Aufnahmen-Ordner.

MK: Viele Künstler sammeln.

CW: Das liegt auf der Hand. Fotos kriegst du ja in Zeitschriften und Zeitungen nachgeworfen. Fotos liegen im Altpapier und haufenweise im Netz. Jeder kann preisgünstig Laserkopien oder Ausdrucke anfertigen. Durchs Ausschneiden und Neu-Einordnen wird diese Überflutung eingedämmt, das heisst die Überreizung wird kontrolliert, indem man sie verwaltet. Gut und Böse, trivial und tiefgründig, Trash und Bedeutung sind aufgehoben: Diese Kategorien existieren nicht mehr. Als omnipotenter Herr der Bilder glaubt man dem zufälligem Bombardement ein Schnippchen schlagen zu können. Die Träume werden sozusagen simuliert, denn ähnlich wie im Schlafzustand wird man von Bildern überhäuft, die scheinbar chaotisch aus dem Zusammenhang losgelöst durcheinander purzeln. Und jetzt kann man endlich das Unterbewusstsein ausschalten und bei vollem Bewusstsein arbeiten.

MK: Du suchst nicht systematisch, sondern lässt dich von Bildern inspirieren, die dich überfluten?

CW: Teils, teils. Wenn ich ein Bild mit Glatzköpfen malen will, dann würde ich auch systematisch vorgehen, Bücher über Haarausfall besorgen oder heimlich Fotos schiessen. Beim allgemeinen Sammeln ist das anders: Wenn ich in der Zeitung eine Superglatze sehe, wird sie ausgeschnitten. Wenn sie schlecht aussieht, wird sie nicht aufbewahrt. Im Laufe der Jahre sammelt man auch andere Sachen, die man vorher gar nicht gesehen hat. Ich habe hier drei ältere Haare-Ordner, doch Haare sammle ich kaum noch. Früher habe ich jedoch aus fast jeder Zeitung alle Haare ausgeschnitten.

MK: Wie kommst du auf die Ideen für ein Bild? Lässt du dich von deiner Sammlung anregen oder eher umgekehrt?

CW: Das geht Hand in Hand, wobei ich das Sammeln von Bildern eher als mein Hobby betrachte und nicht als Instrument zur Bildfindung. Meine Collagen sind näher an den Fotos, die bekanntermassen unser aller Gemeingut sind. Deshalb sind Collagen so beliebt. Bei meinen Gemälden hingegen funktioniert das wie eine subjektive komplizierte Rechnung. Da entsteht eine andere Ebene, die weiterführt als die assoziativ arbeitenden Collagen. Die Farbgebung, das Formale, die Linienzeichnungen entstehen unabhängig von den Collagen.
Und wieder lassen sich Analogien zum Traum ziehen: Unser Unterbewusstsein regiert vielleicht doch nicht so chaotisch und willkürlich über unsere Traumbilder. Ich halte unseren Schlaf für viel transzendentaler als es uns lieb ist. Mit meiner Malerei versuche ich den Zustand des Traumes zu simulieren. Das wäre der Schritt von der Collage zur Malerei. Während die Fotos und Collagen eher zum bewussten Alltag gehören, sind meine Ölbilder wie ein Filtrat meiner «bedeutenden» Träume. Die Träume werden aber wiederum auch vom Collagieren «manipuliert». Ein Kreislauf.

MK: Verknüpfst du unzusammenhängende Dinge, um ihnen etwas Neues zu entlocken, oder gibt es inhaltliche Verbindungen – etwa zwischen den Astronauten und einer Grotte?

CW: Beides ist der Fall. Es gilt vordergründig das gleiche Prinzip wie bei den Collagen: Leicht verfügbare, scheinbar beziehungslose Abbildungen werden miteinander kombiniert. Seit Dada beziehungsweise Hanna Höch hat sich da wenig verändert. Doch auf dem Gemälde ist das «Handliche» und Gemachte der Collage aufgehoben, weil die Malerei den ganzen Raum erfüllt. Es bleibt nichts von der Collage übrig, weil durch die Malerei alles zur Einheit verschmilzt. Die Collage wird unsichtbar.

Autor/innen
Michael Krajewski
Künstler/innen
Corinne Wasmuht

Werbung