«Critique is not enough» in der Shedhalle

Tal Adler · Photo als Teil der Installation «Pettek», 2002

Tal Adler · Photo als Teil der Installation «Pettek», 2002

Besprechung

Vor einem Jahr wurde die Ausstellung in Michelangelo Pistolettos cittadellarte in Biella gezeigt. Dort war sie spezifisch zugeschnitten auf dieses seit Beginn der Neunziger in der kleinen piemontesischen Stadt initiierte Projekt, welches das «creative involvment» auf seine Fahnen schreibt.

«Critique is not enough» in der Shedhalle

Die Ausstellung, die in Italien «La nuova agorà» zum Titel hatte, wurde für Zürich zu «Critique ist not enough» umbenannt, womit sie auf ein Shedhalleprojekt von 1997 verweist, das sich «Art is not enough» nannte und die soziale und gesellschaftliche Wirkkraft der Kunst in Frage stellte. Dagmar Reichert, die in Humangeografie habilitierte Kuratorin des aktuellen Projekts, spricht der Kunst ihr Veränderungsvermögen nicht ab, nur müsse sie ihren archimedischen Punkt verlassen und neue Strategien des Sicheinmischens, des Involviertseins entwickeln. 27 solcher Positionen werden zur Diskussion gestellt. Mit herkömmlichen ästhetischen Kriterien wird man den meisten von ihnen nicht mehr gerecht. Interessanter ist es, die unterschiedlichen Strategien und Ansätze anzuschauen. Die Ausstellung funktioniert geradezu als Messe oder Börse, die Vernetzung und Information intendiert. Zudem ist sie ein wenig ein Werbeprojekt für die cittadellarte, denn viele Arbeiten sind in unmittelbarem Kontext der citta entstanden. Nur vier Positionen seien hier in Kürze vorgestellt: Der französische Künstler Michael Blum beispielsweise hat sich auf die Suche nach der Herkunft seiner Nike-Sneakers gemacht und ist in eine indonesische Provinzstadt gereist, wo er nach vielen Odysseen zwar die Fabrik, die Geburtsstädte seiner Turnschuhe fand, diese aber nicht betreten durfte. Das Video zeigt die Reise eines Konsumenten, der die Produzenten sehen will und dabei die fatalen Verstrickungen des ökonomischen Systems ent- und aufdeckt. Die meisten unserer Alltagsgegenstände könnten wohl Anlass für ähnliche Geschichten sein. Die «TRansnationale Republik» hat andere Strategien entwickelt. Um den überregionalen allmächtigen Wirtschaftsinteressen etwas entgegenzustellen, schlägt die deutsche Gruppe eine nicht nationale, sondern transnationale Bürgerschaft vor und stellt auch tatsächlich brauchbare Ausweise aus. Die Künstlergruppe Calc wirkt – wie die cittadellarte – von der Provinz, von einer Kleinstadt in Spanien aus. Sie nutzt die Verquickung mit dem internationalen Kunstbetrieb und dessen finanzielle Ressourcen, um in der Provinz einen Park und so etwas wie ein Kulturhaus aufzubauen. Der israelische Künstler Tal Adler schliesslich stellt sein Projekt «Pettek» vor, das sich zwischen der Kunstwelt, lokaler Politik und dem Internet situiert. Pettek hat die Wahlkampagnen im Fernsehen als höchst effiziente Plattform für Mitteilungen entdeckt und versucht, sich als Partei, worunter Pettek eine Bühne für diverse Stimmen versteht, zu etablieren. Ziel ist nicht, eine Gegenideologie aufzubauen, sondern bestehende Tabus in Frage zu stellen und eine tolerantere Gesellschaft zu fördern. Einige weitere Teilnehmende sind: Sabina Baumann, Casual Group, Armin Chodzinsky, David Dellafiora, Relax, Marion von Osten, Julius Deutschbauer/Gerhard Spring. Infos zum Projekt der cittadellarte unter www.cittadellarte.ch.

Bis 
12.04.2003
Künstler/innen
Tal Adler
Michael Blum
CALC
Autor/innen
Brita Polzer

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