Demonstrationsästhetik Roza El-Hassan

Toma Sik · «Du sollst es nicht fällen», 2002, Demoplakat

Toma Sik · «Du sollst es nicht fällen», 2002, Demoplakat

Oben: Dieselwerbung

Oben: Dieselwerbung

Fokus

Demonstrationsästhetik Roza El-Hassan

Ökoposter, wie sie seit den achtziger Jahren für diverse ökologische Unternehmungen werben, kommen mir in der Regel abschreckend vor. Die Banalität und ästhetische Einöde eines grünen Baumes auf einem Demo-Button scheint so trostlos zu sein. Das gilt auch für die zahlreichen Embleme einer multikulturellen Alternativszene, die endlosen Graffitis an den Mauern Kreuzbergs, die für die Rechte der Frauen, der Homosexuellen oder der türkischen Bevölkerung plädieren. Ich frage mich immer, wie ist es möglich, dass all diese Zeichen, die das moralisch Gute propagieren, visuell so langweilig daherkommen.

Kann man für das Gute mit banalen, anspruchslosen Bildern Werbung machen? Oder ist Kunst als Propagandamittel einfach nicht zu gebrauchen, auch wenn es sich um Friedens- oder Ökopropaganda handelt?

Anders als ich mit meinen altmodischen ästhetischen Vorstellungen denkt der Friedensaktivist und Globalisierungsgegner Toma Sik, den ich vor kurzem in Budapest traf. Er malt seit vierzig Jahren Embleme des Friedens auf seine Schilder, um sie dann als ungarisch-israelischer Staatsbürger sehr mutig in Budapest oder in den besetzten Gebieten Israels auf die Strasse zu tragen. Er lehnt freie Kunst und damit eine Bilderproduktion ab, welche dem rein ästhetischen Vergnügen dient. Wie viele andere Friedensaktivisten möchte er nicht mit Leuten auf den gleichen Nenner gebracht werden, welche ihre Bilder verkaufen, um sich so ihr Einkommen zu sichern. Sik und viele andere sind der Meinung, dass das Erhabene und Elitäre der Kunst die Aufmerksamkeit von den wichtigen, humanitären Fragen ablenkt.
Ich muss zugeben, dass mich diese Kritik schwer trifft. Der Vorwurf ist nicht leicht zu kontern und wirft weitere Fragen auf:
Lässt sich die Ästhetik von soziopolitischen Emblemen und Widerstandsplakaten untersuchen, ohne dabei eine zu grosse emotionale Distanz zur Sache aufzubauen? Kann man innerhalb der Kunst vielleicht doch mit einfachen Imperativen sprechen, wie: «Stoppt den Krieg!» oder «Beschützt die Natur!» Und lassen sich diese zwei Ebenen, das Allgemeinverständliche und die Tradition des kontemplativen Zweifels auf irgendeine Weise in einem Kunstwerk verbinden? Gibt es eine Agitations-Kunst im positiven Sinn? Oder muss Kreativität ganz und gar frei sein, auch frei von jeglicher Ethik?

Je bedrohlicher die politische Situation wird, umso sympathischer finden viele Künstler die handgemalten Friedensplakate. Wir gehen einfach mit, ohne uns an der Direktheit und Simplifizierung der Aufrufe zu stossen.

Doch lassen sich auch diese handgemalten Bilder und die Kunst des guten Willens nicht formalisieren. So wurde mein Vertrauen in formelle Simplifizierungen jeglicher romantischer Illusion beraubt, nachdem ich in Zürich ein Schaufenster mit Reklamen der Modefirma «Diesel» erblickte. Die Jeans-Firma baut ihre Werbekampagne auf eine Ästethik auf, die uns aus Demonstrationszügen bekannt scheint. Wir sehen schöne, wütende junge Leute durch die Strassen laufen und lesen domestizierte politische Forderungen, wie: «Kiss your neighbour», «more green trafficlights» oder «plant flowers». So werden Slogans zu Requisiten eines modernen Lifestyles umgewandelt.

Grundsätzlich scheint mir, es gibt keine formal verbindliche Lösung für diese Fragen, welche generell zufriedenstellend wäre. Kollektive Verantwortung, kollektive Schuld, kollektive Wahrnehmung und kollektive Träume sind schwierige Begriffe, für die man als Künstler oder Künstlerin von Fall zu Fall und von Bild zu Bild differenzierte Beschlüsse fassen muss. Auch ist die Relation oder die quantitative Unterscheidung zwischen der kleinen, subjektiven Verantwortung für eine einzelne Linie oder für eine farbige Form und der grossen gesellschaftlichen Verantwortung von unermesslicher Art.

Roza El-Hassan (*1966 in Budapest) weilt noch bis im April als Stipendiatin des Collegium Helveticum in Zürich. Sie war 1996 bei der Manifesta 1 in Rotterdam beteiligt, hat 1997 den ungarischen Pavillion an der Biennale Venedig bespielt und war 1999/2000 mit einer Einzelausstellung in der Wiener Secession zu Gast. Aktuell ist sie bei der Gruppenausstellung «DisORIENTation» im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (bis 11.5.) sowie beim Projekt im öffentlichen Raum «Moszkva tér» in Budapest (16.5.–30.6.) beteiligt. Eine Soloshow folgt im Drawing Center, New York (14.6.–26.7.). Ein Gespräch mit Roza El-Hassan zum Thema «Demonstrationsästhetik» ist im Rahmen der «guest_*talks» der F+F Schule für Kunst und Mediendesign, am Freitag, 23.5., 19 Uhr, im Sphères, Hardturmstrasse 66, 8005 Zürich, geplant.

Künstler/innen
Róza El-Hassan

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