Geografie und die Politik der Mobilität in der Generali Foundation

Bureau d’études · World Monitoring Atlas, 2003, Ausstellungsansicht; Foto: Werner Kaligofsky

Bureau d’études · World Monitoring Atlas, 2003, Ausstellungsansicht; Foto: Werner Kaligofsky

Besprechung

Die Übersetzung von «Geografie» aus dem Lateinischen lautet «Erdbeschreibung». Geografie bezeichnet eine Wissenschaft, die von der Umwelt des Menschen und vom wechselseitigen Beziehungsgefüge Mensch-Erde in räumlicher Sicht handelt. Im Schulunterricht hiess Geografie das Wissen um Flüsse, Bodenschätze, Landesgrenzen und Einwohnerzahlen. Wenn die Schweizer Gastkuratorin und Künstlerin Ursula Biemann ihre Ausstellung in der Generali Foundation, Wien, jetzt «Geografie und die Politik der Mobilität» nennt, stellt sie gleich vorab klar: Mit dem schulischen Verständnis von Geografie wird hier gebrochen.

Geografie und die Politik der Mobilität in der Generali Foundation

Biemann lud zu ihrer Ausstellung fünf Kollektive ein. Makrolab, initiiert vom slowenischen Künstler Marko Peljhan, präsentiert seine «nomadische, temporäre Forschungsstation» in Form einer an Nachrichtenstudios erinnernden Videowand. Acht Monitore mit zwei live eingespielten offiziellen Fernsehkanälen und sechs Videobändern liefern atmosphärische Bilder, die eher die Mobilität als den Forschungsanspruch repräsentieren. Entschieden konkreter greift Raqs Media Collective (Monica Narula, Jeebesh Bagchi, Shuddhabrata Sengupta) die veränderten Bedingungen der Geografie auf: Die Video- und Textinstallation «A/S/L (Age/Sex/Location)» thematisiert die Lebensumstände indischer Tele-Arbeiterinnen, die für ein US-amerikanisches Call-Center arbeiten – Mobilität per Technik.

Auch das von Mailand aus agierende Kollektiv multiplicity (Stefano Boeri, Maddalena Bregani, Fancisca Insulza, Francesco Jodice, Giovanni La Varra, Armin Linke, John Palmesino) greift Einzelbeispiele heraus. Ihr Untersuchungsgebiet des fortlaufenden Projekts «Solid Sea» ist der Mittelmeerraum. «Case 01: Geisterschiff» zeigt Unterwasserbilder eines Bootswracks vor der Küste Siziliens, dessen Verortung auf einem Satellitenbild und zahlreiche Einzelinterviews. Die illegale Einreise endete für die mehr als 280 Pakistani, Inder und Tamilen 1996 mit einem Schiffbruch im Tod. «Case 02: World-Odessa» stellt zwei Schiffswelten gegenüber: Die russischen Matrosen, die nach dem Konkurs des Schiffseigentümers seit sieben Jahren im Hafen von Neapel auf ihrem Schiff leben müssen, und der Luxusdampfer «The World», ein Luxusdampfer mit Millionärswohnungen, Golfplatz und Casino, der permanent auf See herumreist. Wenn auch weniger im Reportageformat, so zeigt auch das Pariser Künstlerduo Bureau d’études (Léonore Bonaccini, Xavier Fourt) ein investigatives Kunstprojekt. Sie verstehen sich als Untersuchungsbüro für technische Forschungen und zeigen wandfüllende Organigramme, welche die Vernetzung datensammelnder Systeme aufzeichnen: Das fünfte Kollektiv, Frontera Sur RRVT (Europas Südgrenze in Real, Remote und Virtual Time – Ursula Biemann, Regula Burri, Rogelio Lopez Cuenca, Valeriano Lopez Dominguez, Elena Maleno Garzon, Alex Munoz Riera, Angela Sanders) ist eine lose Gruppe von KünstlerInnen und AktivistInnen, welche das spanisch-marokkanische Grenzgebiet beeindruckend unterschiedlich thematisieren. In ihren Beiträgen findet die Ausstellunsthematik die grösste formale und inhaltliche Breite, und die Thematik wird mit visuell verführerischen Bildern gelockt. Aber erst in der Gesamtheit wird die Komplexität des Themas deutlich. So ist Geografie als Verräumlichung von Beziehungen nicht nur das Grundthema, sondern auch die Methode der Ausstellung – und der Kollektive, welche die Notwendigkeit eines veränderten Geografie-Begriffs ins Bewusstsein rücken und dazu Mengen an Material bieten.

Bis 
26.04.2003

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