Herzog & de Meuron im Centre Canadien d’Architecture (CCA)

View of the installation Gallery 6, with the works of: Joseph Beuys, Filzanzug (Felt suit). Collection Walker Art Center, Minneapolis, Walker Special Purchase Fund. © Estate of Joseph Beuys/VG, Bild-Kunst (Bonn)/SODRAC (Montréal) 2002; Richard Artschwager, Blps. Collection of the artist. © Richard Artschwager/ARS (New York)/SODRAC (Montréal) 2002, © Canadian Centre for Architecture, Montréal; Foto: Michel Legendre

View of the installation Gallery 6, with the works of: Joseph Beuys, Filzanzug (Felt suit). Collection Walker Art Center, Minneapolis, Walker Special Purchase Fund. © Estate of Joseph Beuys/VG, Bild-Kunst (Bonn)/SODRAC (Montréal) 2002; Richard Artschwager, Blps. Collection of the artist. © Richard Artschwager/ARS (New York)/SODRAC (Montréal) 2002, © Canadian Centre for Architecture, Montréal; Foto: Michel Legendre

Besprechung

Wie kann man Architektur ausstellen? Wie soll man Architektur ausstellen? Während die letztjährige Architekturbiennale «Next» in Venedig mit zahlreichen Modellen konkrete Zukunftsprojekte vorstellte und damit eine Gegenposition zur Show vor zwei Jahren einnahm, welche die vage These «More ethics, less aesthetics» auch mit viel Planmaterial nicht zu veranschaulichen vermochte, entwickelt Philip Ursprung, der Kurator der Ausstellung «Herzog & de Meuron: Archéologie de l’imaginaire», im Centre Canadien d’Architecture (CCA) in Montréal eine
völlig neue Form der Präsentation von Architektur.

Herzog & de Meuron im Centre Canadien d’Architecture (CCA)

Anstatt gebaute Realität zeigen zu wollen, deren Wirklichkeit im Museum nicht vermittelt werden kann, ja, deren Wiedergabe teils schlicht zu einer neuen Realität führt, hat Philip Ursprung in Montreal den Spiess umgedreht: In Zusammenarbeit mit dem Büro Herzog & de Meuron und dem CCA hat er deren Archive geplündert, um uns eine unglaubliche Vielfalt an Artefakten zu zeigen, die zu den Bauten des Basler Architekturbüros beitrugen. Entsprechend findet man in der Ausstellung keine Fotos, Pläne oder Modelle fertiggestellter Projekte (auch Thomas Ruffs Foto des Ricola-Lagergebäudes ist ein am Computer fabriziertes Konstrukt), sondern der/die Betrachter/in wird auf eine archäologische Exkursion geschickt, die Schichten der Architektur von Herzog & de Meuron auszuloten. Modelle aus Karton, Holz, Gips, Plastik oder Metall, Spolien vergangener Materialexperimente, Steine und Geschirr, Fotos und Bücher, Ölbilder und Skulpturen stehen und liegen, ungeachtet ihres heutigen, zum Teil völlig unterschiedlichen Marktwertes, dicht beieinander. Zahlreiche, für den flagship store von Prada in Tokyo gebaute kristalline Modelle zeugen von der kreisenden Suche nach der richtigen Form, ein 1000-jähriger Ziegel der Chinesischen Mauer und Musterbücher für Emailfarben verweisen auf die Experimente der Architekten mit Druckverfahren und Farbaufträgen, Richard Artschwagers vor Ort gesprayte «Blps» und rare Daguerrotypien sind zwei Beispiele unter vielen für die Verweise auf Herzog & de Meurons ausgeprägtes Interesse für Kunst. Zahlreiche Leihgaben, wie zum Beispiel das späte Selbstporträt Andy Warhols, 1986, überblendet mit militärischem Tarnstoff, oder Dan Grahams «Girls’ Make-Up Room», 1998–2000, ergänzen die anregende Sammlung. Einzig unterteilt in Kategorien wie «stockage et compression» oder «impression, expression» evozieren die dichten Auslagen das Bild einer Natur- und Wunderkammer. Es wird darauf verzichtet, einzelne Arbeitsprozesse lückenlos, womöglich chronologisch geordnet nachvollziehbar zu machen, um die komplexe Geisteswelt und nicht zwingend gradlinige Arbeitsweise des Basler Büros und seiner zirka 170 MitarbeiterInnen sichtbar zu machen.

Der dazu erschienene Katalog weiss den Eindruck eines naturhistorischen Kabinetts ebenfalls zu vermitteln. Die im Verlag Lars Müller erschienene Publikation schafft es, die diversen Verbindungen unter den Exponaten und ihre unterschiedlichen Qualitäten auf den Buchdruck zu übertragen. Der Katalog enthält ausserdem eine Fülle von Texten und Interviews mit den Architekten und ihnen verbundenen Künstlern. (Naturgeschichte Herzog & de Meuron, hg.v. Philip Ursprung und CCA, Montreal, Essays von Carrie Asman, Georges Didi-Huberman, Kurt W. Forster, Boris Groys u.a., 472 S., 800 Abb., Fr. 89.00.) Informationen zum Rahmenprogramm: www.cca.qc.ca.

Bis 
05.04.2003

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