«Lieber Maler, male mir?» und «deutschemalereizweitausenddrei» in der Schirn Kunsthalle und im Kunstverein

Kurt Kauper · Cary Grant#2, 2001, Öl auf Birkenholz, Ø 119,3 cm, Courtesy of ACME, Los Angeles and Deitch Projects, New York

Kurt Kauper · Cary Grant#2, 2001, Öl auf Birkenholz, Ø 119,3 cm, Courtesy of ACME, Los Angeles and Deitch Projects, New York

Besprechung

In Frankfurt widmen sich derzeit zwei Ausstellungen in der Schirn Kunsthalle und dem Kunstverein der Malerei. Zwei Ausstellungen, deren kuratorisches Konzept unterschiedlicher nicht sein könnte. Während der einen die Figuren Picabia und Kippenberger gewissermassen zum historischen Fluchtpunkt zeitgenössischer Malerei gereichen, versucht die andere eine lose Bestandsaufnahme, die weitgehend ohne Titel, Thesen und Temperamente auskommt.

«Lieber Maler, male mir?» und «deutschemalereizweitausenddrei» in der Schirn Kunsthalle und im Kunstverein

«Lieber Maler, male mir?» ist eine Kooperation zwischen dem Centre Pompidou, der Kunsthalle Wien und der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. An achtzehn Künstlern untersucht die Ausstellung «den Stellenwert figurativer Malerei» seit den vierziger Jahren und spannt den Bogen in einer gezielten Konstellation historischer Bezugnahmen und konzeptueller Anknüpfungspunkte. Der Untertitel erweist sich dabei als Programm in zweierlei Hinsicht, denn der «Radikale Realismus nach Picabia» bricht sich seine Bahn genau genommen auf zwei Gleisen: im Hinblick auf die Radikalität eines genuin malerischen Impulses sowie hinsichtlich der Brüche und Wertigkeiten dessen, was allgemein als Realismus bezeichnet wird.

Radikal ist Francis Picabia in seiner Haltung – auch und gerade gegenüber sich selbst und der ganzen Bandbreite seines Werkes: paradox, verführerisch, parodistisch wirken seine weiblichen Akte. Und doch: Ob blond, ob braun, für Picabia bleibt die Malerei das eigentliche «Objekt der Leidenschaft». Radikal im Sinne von respektlos, dafür steht Martin Kippenberger und jene Werkgruppe, der die Ausstellung ihren Titel verdankt. Anfang der achtziger Jahre zur Ausführung an eine Werbeagentur übergeben, lässt die Serie «Lieber Maler, male mir?». den malerischen Impuls am Mythos des begnadeten Künstlers genauso abprallen wie an den (Vor-)Urteilen eines vertrauensseligen Publikums.

Das ist der eine Weg. Ihn beherzigt auch der frühe Polke, er findet aber in den zeitgenössischen Positionen der Ausstellung nicht wirklich eine Fortsetzung. Höchstens bei John Currin, dessen Realismus überdimensionierter Busenwesen jedoch ganz gezielt nicht mehr zum Lachen auffordert; und vielleicht bei Kurt Kauper, dessen Porträts von Cary Grant sich einem genüsslichen Kopfschütteln nicht erwehren können. Kauper aber geht mehr noch den alternativen Weg einer Malerei, der auf die Möglichkeiten und Implikationen des Realismus selbst abzielt: auf die ebenso stereotype wie imaginäre Verklärung eines Zugangs zur «Wirklichkeit», die sich selbst bereits als grundlegend repräsentiert erweist. Wer wollte nicht Cary Grant nackt sehen? Wer wollte nicht dabei sein, wenn Elizabeth Peyton die Stars des musikalischen Brit-Pop in scheinbar intimen Sessionen porträtiert? In beiden Fällen ist der Wunsch unmittelbarer als das Bild, liegt die Malerei näher als das durch sie suggerierte «Objekt der Leidenschaft».

Wie sehr der malerische Realismus selbst die Möglichkeit besitzt, über seine reine Sichtbarkeit hinaus zu gehen, zeigt Luc Tuymans «Diagnostischer Blick», eine Serie aus dem Jahre 1992. Wie souverän sich die Bezugssysteme innerhalb der Konstellation Bild und Vorbild im Prozess der Malerei selbst de- oder transformieren lassen, verdeutlichen die vielschichtigen Monotypien des New Yorkers Enoc Perez, die das Grafische der Fotografie in die Malerei hinüberretten. Sophie von Hellermanns Realismus nimmt sich demgegenüber äusserst naiv aus. Er resultiert aus einem romantisch veranlagten Sentiment, das nur noch staunend vor dem eigenen Sein und der Welt steht – und malt!

Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein setzt in etwa dort an, wo sich die beiden Mitglieder der Düsseldorfer Künstlergruppe «Hobbypop» auseinander dividieren: hier Sophie von Hellermann, dort Dietmar Lutz – und beide nicht von ungefähr artverwandt. Artverwandt vor allem in dem Punkt, an dem Michael Glasmeiers Beitrag im Katalog «Lieber Maler, male mir?» aufhört: Angesichts der grenzenlosen Möglichkeiten des Mediums, so Glasmeier, lasse die Geschichte der Malerei keine Naivität mehr zu – es sei denn, man wolle ein naiver Maler sein. Und ob! Und wie! Also: «deutschemalereizweitausenddrei».

Was Malerei in Deutschland heute sein kann oder will, wird in der Ausstellung im Kunstverein hauptsächlich auf Leinwänden vorexerziert, in Petersburger Hängung und in Kabinetten präsentiert, nur selten direkt auf der Wand erprobt. Petersburg, das ist im zweiten Obergeschoss ein dichtes Gemenge von malerischen Scharmützeln und Rückzugsgefechten, die sich aus den Werken selbst oder aus der Hängung ergeben. Frank Nitsche und Thomas Scheibitz – bekannt geworden durch das von aussen an sie herangetragene Label «Dresden Pop» – ducken sich unter dem medialen Rausch eines Wawrzyniec Tokarski weg, gleich daneben und verwechselbar Johannes Wohnseifer, dann Daniela Wolfers lammfrommes und grobes Picknick in Öl und Lack auf Aluminium, «Im Stadion», übereck mit Jutta Koethers «Unvollendeter Sympathie». Dass sich Gunter Reskis wunderbar wabernde Textfragmente darob leider nur als Kommentar eines unbändigen Fliessens vor und hinter den Bildern erweist, ist nur eines der Missverständnisse, die sich aus diesem Teil der Ausstellung ergeben.

So will die Ausstellung vieles nicht sein und ist es doch. Die Suche nach der «deutschen» Malerei im Zeichen der «Berliner Republik» hat dabei wenigstens die statistische Bewandtnis, dass mehr als die Hälfte der über sechzig Künstler tatsächlich in Berlin leben. In vielen Fällen aber kehren doch nur die Geister eines Landes wieder, dessen politische Hauptstadt damals noch ein kleiner Ort im Rheinland war. Malerisch war es die Republik der Fürsten Baselitz, Immendorf, Lüpertz sowie deren Narren Kippenberger, Büttner, Dahn und Dokoupil. Dass sich eine jüngere Generation von Malern zwanzig Jahre später ausgerechnet an den Existenzialien dieser beiden Achtziger-Lager abarbeitet, hat eine untrügliche Pointe: Man darf malen – und sich im selben Atemzug davon distanzieren; man darf sich Originalität wünschen, Subjektivität behaupten – und sich diese Schuppen gleichsam angeekelt von den Schultern wischen.

Carsten Fock hingegen legt Standpunkte offen, die nicht wenig plausibel erscheinen. Zumindest nimmt Kippenbergers einstiger Wunsch und Auftrag in seinen Werken die
zeitgemässe Wendung der beschworenen Berlinerrepublik. «Lieber Ostmaler, male mir einen Tübke», steht dort auf einem seiner Paneele in Filzstift geschrieben, auf einem anderen: «Neue Frankfurter Mittelmässigkeit in Berlin Mitte». Oder anders herum. Und ob! Und wie!

Bis 
12.04.2003

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