Martin Kippenberger im Museum für Neue Kunst

Martin Kippenberger · Ohne Titel (Selbstporträt aus der Medusa-Serie), 1996, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm, Nachlass Martin Kippenberger, Köln

Martin Kippenberger · Ohne Titel (Selbstporträt aus der Medusa-Serie), 1996, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm, Nachlass Martin Kippenberger, Köln

Besprechung

Am 25. Februar dieses Jahres wäre Martin Kippenberger fünfzig geworden. Was übrig bleibt, wenn man von seinem Werk jene Legenden abzieht, die sich seit seinem Tod vor sechs Jahren behände über den Künstler und Mensch Kippenberger legten, erkundet jetzt eine grosse Retrospektive in Karlsruhe.

Martin Kippenberger im Museum für Neue Kunst

Natürlich traf es Kippenberger ins Mark, als Wolfgang Max Faust im Jahre 1989 «den Künstler als exemplarischen Alkoholiker» beschimpfte und stellvertretend die «deutschen Spiesser» Kippenberger und Förg eines Zynismus bezichtigte, der doch nur feige sei. Kippenberger antwortete auf seine Weise – indem er sich als lebensgrosse Figur stellvertretend in die Ecke stellte und schämte. Wilfried Dickhoff reagierte im Katalog zu den «I.N.P.–Bildern» von 1982: Zynisch seien diese «höchstens im Sinne einer moralischen Form des malerischen Standhaltens inmitten der Pleite ?Mensch’».

Pleite war Kippenberger nicht selten, Mensch war er immer. Und vielleicht ist es
diese Erfahrung, die ihn das Beuyssche Credo umkehren liess: «Jeder Künstler ist ein Mensch». Mit all seinen Abgründen und Zweifeln. Manchmal genial, oft rabenschlecht, aber stets konsequent: genial in den unzähligen Plakaten, die im Museum für Neue Kunst aufgereiht hängen; rabenschlecht in der Manier eines jungen Wilden, der so exzessiv malt, bis er sich selbst und der Bodenlosigkeit einer ernst gemeinten subjektiven Geste den Pinsel aus der Hand schlägt; konsequent darin, wie er künstlerische Vorbilder und Antipoden unter seinen Latex-Bildern aus den frühen neunziger Jahren verschüttete. Dass Kippenberger in seiner Rigorosität auch vor Kippenberger nicht Halt machte, zeigen die vermeintlichen Ladenhüter seiner «Hamburger Hängung», 1989, mehr noch die Überreste einiger Leinwandarbeiten, die er in «Heavy Burschi», 1989–91, einem Müllcontainer überantwortete.

«Meine Lügen sind ehrlich», schrieb Kippenberger quer über eine seiner Leinwände und ebenso könnte man behaupten, sein Zynismus sei zutiefst menschlich gewesen. Allzu menschlich vor den Konturen einer wertkonservativen Realität und ihren biederen Abgründen, die Martin Kippenberger einfach nur auszumalen brauchte: Sonntagnachmittags einen Schwartenmagen für die verlassene Frau, an religiösen Feiertagen eine sympathische Kommunistin, nachts das Selbstporträt in Unterhose und im Morgengrauen eine Laterne für Betrunkene. Oder ist das doch nur wieder Legende? Die Museumsausgabe des Kataloges zur Ausstellung, erschienen bei DuMont, kostet 29 Euro.

Bis 
26.04.2003
Autor/innen
Ralf Christofori
Künstler/innen
Martin Kippenberger

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