Das Soziale als Kunst?

Brita Polzer

Brita Polzer

Das A-cappella-Quartett Zapzarap

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Fokus

«Ist nicht die Tatsache, dass wir uns hier zusammengefunden haben, kochen, bauen und reden schon kultur?...wir müssen nicht eine kulturelle leistung erbringen, sondern eine gemeinschaftliche.»

Das Soziale als Kunst?

So ist in «Juni # 2» zu lesen, einer «Kunst Zeit Schrift» aus Karlsruhe, herausgegeben von einem bunten, wissenschaftlich gebildeten Team um den Karlsruher Kunstverein. Für elf Tage hatte sich eine Gruppe mit selbstgebautem Zelt und Kino provisorisch eingerichtet, um Verzicht auf Sicherheiten und temporäre Gemeinschaftlichkeit auszuprobieren. Aber lässt sich ein alternatives kreatives Zusammenleben tatsächlich schon als Kultur oder gar als Kunst bezeichnen? Wo würde man die Grenze setzen? Wo fängt das Soziale oder die Kunst an? Die KünstlerInnen selbst scheinen keine Berührungsängste zu haben. Immer mehr arbeiten mit anderen, vor allem auch Nicht-KünstlerInnen zusammen. Sie beziehen das Team der Kartause Ittingen mit ein (Irene und Christine Hohenbüchler), malen im Auftrag lokaler ArbeitgeberInnen gegen Kost und Logis (Antje Schiffers), veranstalten Nachtwanderungen (San Keller) oder bringen Einheimische und Touristen zusammen (Big Hope: Miklos Erhardt/Dominic Hislop). Wie lassen sich für solche Aktivitäten Beurteilungskriterien entwickeln, bzw. wie geht man im Kunstkontext damit um?

Für viele KunstexpertInnen droht bei dieser Auseinandersetzung ein Terrainverlust, denn wie können die erworbenen Kriterien und Werturteile, die an einen Werkcharakter gebunden sind, hier noch sinnvolle Werkzeuge sein? Wie kann man etwas beurteilen, das sich teilweise gar nicht materialisiert, ja von dem man geradezu Teil gewesen sein muss, um darüber zu sprechen? Zudem driften diese Ausstrahlungen zum Sozialen, sofern sie nicht karitativ oder individuell ausgerichtet sind, häufig in alternative und politische Richtung, will heissen: sie verweisen auf ein eher linkes, politisches Engagement.
Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie man die vielschichtigen sozialen Anliegen, die seit den frühen Neunzigern im Kunstkontext aufgetreten sind, in diesen besser einbinden kann. Will man nicht im Alternativen verharren, sondern öffentliche Gelder und Gebäude nutzen und als Renommee und Öffentlichkeitsfaktor für sich sprechen lassen - wie jetzt die 3. Berlin Biennale, die erstmalig den renommierten Gropius-Bau nutzt -, dann muss man einen Modus finden, das soziale Engagement in die institutionellen Räume des Kunstbetriebs einfliessen zu lassen und dort irgendwie ästhetisch erfahrbar zu machen. An den Modi, wie das geschehen könnte, feilen heute nicht nur die KünstlerInnen, sondern auch einige KuratorInnen herum.

Dabei kann es nicht nur darum gehen, dass sich die sozial engagierten und kommunikativen Kunstinteressen der auf Produkte ausgerichteten Sprache der Kunsthallen und vor allem der Museen anpassen. Die etablierten Häuser sollten sich ihrerseits bemühen, ihre Aufgaben und Möglichkeiten zu überdenken, um dem veränderten Kunstanliegen entgegenzukommen. Das fällt ihnen nicht leicht, denn die Verwalter der weissen Zellen bringen den Thron der Kennerschaft nicht gern ins Wanken.

Adam Szymczyk, der neue Leiter der Kunsthalle Basel, stellte kürzlich sein Verständnis seiner Aufgaben vor. Statt «einem normativen Erwartungskanon zuzuarbeiten», würde er gern die Besucher dazu bringen, «ihr spezifisches Wissen über zeitgenössische Kunst zu vergessen». Szymczyk ist sich der hegemonialen Strukturen der Institution bewusst und liebäugelt damit, die Macht für bestimmte Zeit anderen zu überlassen - in der Hoffnung, im Machtvakuum könnten unerwartete Synergien entstehen, könnten vielleicht andere ? von den herkömmlichen Instanzen nicht für unterstützungswürdig beurteilte - Stimmen aufkommen. Die Kunsthalle soll weniger eine Instanz repräsentieren, als verbindend wirken, indem sie verschiedenen Individuen und Gruppen Bedeutung zuspricht. Den «guten brand Kunsthalle» will Szymczyk dazu verwenden, aktive Haltungen in der Stadt zu fördern und zu generieren - so geschehen bereits mit dem Forum «subtext.ch», das sich im Netz und als Zeitung formiert und das versucht, eine Diskussion im öffentlichen Raum zu kulturellen, kulturpolitischen und urbanistischen Themen zu lancieren.

Szymczyk wird einerseits repräsentative internationale Werke zeigen, zugleich versuchen, ein lokales produktives Klima aufzubauen. Dieses Doppelinteresse, das hier der Kunsthalle-Leiter für seine Institution proklamiert und das zugleich auf Repräsentation und Produktion zielt, tragen künstlerische Arbeiten heute häufig in sich selber aus. Einerseits versuchen sie, eine ästhetische Sprache zu finden, die anderen - auch solchen, die nicht dabei waren, nicht teilhatten an den sozialen Dialogen - überzeugend von ihrem Engagement erzählt. Andrerseits geht es ihnen darum, Prozesse des Gemeinschaftlichen, der Kommunikation, der Empathie real zu initiieren. Die Arbeiten wollen also eine doppelte Funktion erfüllen: sich selbst als Bild, als irgendwie fertiges Kunst-Produkt vorstellen und zugleich das Prozesshafte bewahren, Prozesse auslösen. Sie wollen etwas darstellen und zugleich gewissermassen lebendig sein und kommunizieren.
Kunst, die sich sozial engagiert, will sprach- und handlungsfähig, auch im Alltag erlebnisfähig machen. Sie versucht, neue Öffentlichkeiten herzustellen, sie hat ein aktivierendes, belebendes, kulturproduzierendes und damit auch politisches Anliegen. Sie will mehr als repräsentieren und muss dennoch eine irgendwie ästhetische Sprache finden. Nicolas Bourriaud, Kodirektor des Palais de Tokio in Paris, meint, dass es sich dabei - wie beispielsweise in den sechziger Jahren bei der Minimal Art - um das Auftauchen eines neuartigen Wortschatzes handelt, der sich auf das Soziale stützt. An diesem Wortschatz, der wohl das Spannendste in der aktuellen Kunstlandschaft ist, gilt es herumzufeilen.

In der Kartause Ittingen findet am 23./24. April ein Symposium statt, das sich den oben angeschnittenen Fragen widmet und zu einer weiteren Differenzierung des Nachdenkens über soziale Praxen und ihre Formulierungen beitragen soll. Die Kartause scheint prädestiniert zur Erarbeitung solcher Problemfelder - nicht nur weil sie schon historisch für gemeinschaftliche Arbeit steht. Bereits 1997 fand hier ein Symposium zu Kunst und öffentlichen Räumen statt. Zum aktuellen Symposium sind u.a. Marius Babias von der Kokerei Zollverein in Essen, der Soziologe Peter Gross von der Universität St. Gallen, der Kunstkritiker Heinz Schütz aus München und die Künstlerinnen Christine und Irene Hohenbüchler geladen.

Auch in Linz finden unter der Leitung von Stella Rollig, Thomas Edlinger und Roland Schöny eine Ausstellung und eine Veranstaltung (26./27. März) zum Thema statt (s. in diesem Heft S. 63).

Autor/innen
Brita Polzer

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