«Gastarbajteri» im Museum Karlsplatz

Lisl Ponger · Türkische Doppelhochzeit, aus Phantom fremdes Wien, 1991/2004, 5. Bezirk Kongresshalle, Foto

Lisl Ponger · Türkische Doppelhochzeit, aus Phantom fremdes Wien, 1991/2004, 5. Bezirk Kongresshalle, Foto

Besprechung

Das Ausstellungsthema Migration hat noch immer Hochkonjunktur. Jetzt widmet auch das Museum Karlsplatz (ehemals Historisches Museum Wien) unter dem Titel «Gastarbajteri» der Arbeitsmigration eine hervorragende, mehrteilige Ausstellung.

«Gastarbajteri» im Museum Karlsplatz

Vor vier Jahrzehnten begann die Geschichte der Gastarbeiter. Mittlerweile hat diese Form von Migration drei Generationen geprägt und ist aus unserer Alltagskultur nicht mehr wegzudenken. Um sich all den verschiedenen Facetten dieses Themas zu nähern, hat das Wien Museum mit der österreichischen «Initiative Minderheiten» kooperiert und mehrere Ausstellungsformate gewählt. So läuft in der Hauptbücherei die Ausstellung «Gastarbajteri - Medien und Migration» und im Kino «MigrantInnen im Film». Für das Wien Museum am Karlsplatz hat das Künstlerduo «gangart» die Ausstellung von «40 Jahre Arbeitsmigration» aus der Perspektive der Betroffenen gestaltet. Lisl Ponger  erzählt ihre Geschichte von «Phantom Wien» und in der ständigen Sammlung weisen auffällige Erklärungsschilder auf die zusätzliche Lesart der Exponate als Belege des jahrhundertealten «Migrationsziel Wien» hin.

Mit dem Gebäude in Istanbul, in dem 1964 das erste «Anwerbebüro» der österreichischen Wirtschaftskammer eröffnet wurde, beginnt die Geschichte von vierzig Jahren Arbeitsmigration. Insgesamt elf Orte wurden ausgewählt, Fotografien von Arbeiterwohnheimen, ersten Beschäftigungsorten der MigrantInnen, Geschichten des Heimischwerdens, etwa des «immigrant business» (wirtschaftliche Selbstständigkeit von Zuwanderern) bis zum fremdenpolizeilichen Büro und dem ersten Islamischen Friedhof. So ergeben die auf grossen Schautafeln zusammengefassten Fotografien, Dokumente und persönlichen Statements ein komplexes Bild des Dreiecks Heimat, Arbeits-, Lebens- und Wohnbedingungen. Ein anderes «fremdes Wien» zeigen die faszinierenden Fotografien von Lisl Ponger. Vor mehr als zehn Jahren filmte Ponger Feste und Zusammenkünfte verschiedener Ethnien in Wien, die jetzt in Auswahl unter dem Titel «Phantom Wien» als Filmstills ausgestellt sind. Dazu zeigt Ponger ihren neuen Filmessay, einen Wiederbesuch jener Orte und Situationen. Mit ihren Kommentarenund Filmschnitten betont Ponger jetzt die Diskrepanz zwischen der damaligen subjektiven Sicht von und Suche nach Folklore und dem heutigen Alltag verschärfter Asylgesetze, rassistischer Übergriffe.

Der dritte und nachhaltigste Teil dieses bemerkenswerten Projekts «Gastarbajteri» findet als Eingriff in die auf drei Etagen präsentierte permanente Schausammlung des historischen Museums statt. In der Römerzeit beginnend, erhalten ausgesuchte Exponate auffällige gelbe Erklärungstafeln. Hier wird mit wenigen Worten und reduzierten Landkarten auf frühe Migration nach Wien hingewiesen. Kupferstiche und Ölgemälde, Porzellan, Statuen und Grabsteine erzählen von internationalen Architekten und Wissenschaftlern, von Ärzten und Handwerkern, die in allen Jahrhunderten berufsbedingt nach Wien kamen. Gerade in dieser Ausstellung wird auf angenehm sachliche Weise verdeutlicht, wie sehr Arbeitsmigration unsere Kultur beeinflusst hat. «Migrationsziel Wien», bis 27.6.

Bis 
26.06.2004

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