Moskauer Konzeptualismus im Berliner Kupferstichkabinett

Moskauer Konzeptualismus, Ausstellungsansicht, 2004, Ausstellungsgestaltung und Foto: Vadim Zakharov

Moskauer Konzeptualismus, Ausstellungsansicht, 2004, Ausstellungsgestaltung und Foto: Vadim Zakharov

Hinweis

Moskauer Konzeptualismus im Berliner Kupferstichkabinett

Die Schau mit fünfzig Werken auf Papier erscheint zunächst als Bestandsaufnahme. Es sind die Schenkungen des Künstlers und Literaten Haralampi G. Oroschakoff und des Künstlers und Verlegers Vadim Zakharov nebst Leihgaben an die Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Kombinationen von Bild und Text bestimmen den Raum mit durchweg ironischen Werken von Dmitri Prigov, Juri Leiderman, Andrej Monarstyrski, Sergej Anufriev, Juri Albert. Manches behält den Reiz des Kryptischen, vieles erschliesst sich durch Lesen. Elena Elagina und Igor Makarewitsch arrangierten einen Wandaltar für einen zwölf Mal verheirateten Biologen, der unter Stalin zur medialen Celebrity geworden war ? nicht wegen seines kapriziösen Ehelebens, sondern wegen forschender Naturverbundenheit und revolutionstauglicher Fotogenität. Jeder Frau ist eine Pflanze zugeordnet. Die Pointe durch Analogieschluss wird marginal, wenn man erkennt, dass auch fast alle anderen Künstler an Mythen- und Imageproduktionen arbeiten: Nikita Alexejew an Malewitsch, Pavel Pepperstein an Lenin, Ivan Chuikov an Moskau. Dabei wollen die Künstler klar machen, dass die Ereignisse tatsächlich anders waren, als sie in offiziellen Diskursen dargestellt werden. Sie ironisieren oder verspotten das Bedeutungsgeflecht und spinnen es fort. Sinjavskij hatte den sozialistischen Realismus als «modale Schizophrenie» beschrieben. Auf sie reagierten die Konzeptualisten. Die Gesellschaft sei dazu verleitet worden, so Sinjawskij, Fiktionen als Fakten anzuerkennen. Darin liegt Gegenwartsbezug. Insofern erscheint die Ausstellung für Lesende als strukturelle Subversion im Geschenkpapier. Informativer und anregend gestalteter Katalog.

Bis 
17.04.2004

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