«Playlist» im Palais de Tokyo

Carol Bove · What the Trees said, 2003?2004 im Palais de Tokyo, Foto: texte&tendenzen

Carol Bove · What the Trees said, 2003?2004 im Palais de Tokyo, Foto: texte&tendenzen

Besprechung

Mit der Geschichte im Rücken: Kodirektor Nicolas Bourriaud hat die künstlerische Forschung an der Kultur zu einer essayistischen Ausstellung zusammengefasst. Nach der Kartierung der Welt geht es diesmal um eine Historie der Bilder und Symbole, die unser Denken leiten.

«Playlist» im Palais de Tokyo

Schlendert man samstags durch den schicken Faubourg St. Honoré, so kann man zufällig in den Concept-Store «Colette» geraten. Dort flimmert ein Patchwork aus Filmküssen über einen grossen Flachbildschirm und alle kaufen ein. Wir verstehen gleich: Symbole bestimmen die Luxus-Warenwelt wie ein kollektives Bild-Gedächtnis. Sie zu fröhlichen Patchworks aus Schlüsselreizen zusammenzuschneiden ist Trend.

Mit «Playlist» wird das Palais de Tokyo einige Metrostationen weiter seinem Ruf als Modehaus zeitgenössischer Kunst gerecht: Auch hier beherrschen Symbol-Montagen die Szene. Die Ausstellung versammelt internationale Künstler, deren Gegenstand, wie der Einleitungstext schreibt, nicht Marmor, Holz oder Leinwand ist, sondern «die Kultur».

Das kommt uns bekannt vor - Surrealismus, Guy Debord und Fluxus sind Referenzgrössen für Bourriaud. Doch Philippe Dagen, Doyen der Pariser Kunstkritik, irrt, wenn er in der Monde «Playlist» nur für einen lauen Aufguss alter Gesellschaftskritik hält. Nicht die gesellschaftliche Erinnerungsinstitution Bibliothek ist Leitmotiv der Ausstellung - es ist der
Buchrücken und damit die nächst kleinere Einheit der kulturellen Matrix. Für sie hat Bourriaud ein Forschungslabor für zeitgenössische Imagologie eingerichtet.

Carol Bove hat als «rekonstruierende Archäologin» der Bilderschichten zweifellos die gelungenste Studie beigesteuert: ein Regal aus den sechziger Jahren, darauf spärlich Bücher und Bilder verteilt, scheinbar banal. Doch liest man die Buchrücken, spannt sich von Arte Povera über Bachelards «Poetik des Raumes» bis zu konkreter Poesie für einen kurzen, konzentrierten Moment ein Denkraum auf, kann man sich in den Zeitgeist der späten Sechziger einfühlen.

Eine solche dichte, klare These gelingt nicht allen Künstlern. Bjarne Melgaards raumgreifender Haufen oder Pauline Fondevilas digitale Icon-Montagen gleichen eher einem in den Ausstellungsraum gespuckten, leicht vorverdauten Kulturbrei. Dafür sind die Buchrücken-Objekte von Clegg und Guttman, zwei Künstler, die seit 1993 erstmals wieder in Frankreich gezeigt werden, ebenso eindringlich wie Bruno Peinados grosse Studie zu Holbeins «Gesandten», einem geradezu randvoll mit symbolischer Bedeutung aufgelade-nen Bild. John Armleder hat ein digitales Serienbild und vertikale Streifen im Stile Larry Poons? zusammengestellt und so mit einem Augenzwinkern die Kunstgeschichte in die Symbolhistorie hinübergeholt.

Wenn Geschichte ein Engel ist, der mit dem Blick rückwärts aus dem Paradies in die Zukunft geblasen wird (so Walter Benjamin), dann zeigt uns «Playlist», mal mehr, mal weniger gelungen, dessen bunten Rücken. Katalog in französischer Sprache, 224 Seiten, ? 27.-.

Bis 
24.04.2004

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