«Seele» in der Kunsthalle

Hilma af Klint · Baum der Erkenntnis, Nr. 1 aus der Serie W, Juni 1913, Aquarell, 46 x 30 cm, Stiftelsen Hilma af Klints Verk, Stockholm

Hilma af Klint · Baum der Erkenntnis, Nr. 1 aus der Serie W, Juni 1913, Aquarell, 46 x 30 cm, Stiftelsen Hilma af Klints Verk, Stockholm

Besprechung

Was verbindet Andrea Zittels installative Wohnzellenmodule mit Salvador Dalís spasmografischen «Onan»-Kritzeleien, mit Edvard Munchs Lithografie «Eifersucht», mit Martin Kippenbergers «Schneewittchen Sarg»? Sie alle sind zurzeit in einer Ausstellung der Kunsthalle Baden-Baden zu sehen. Es geht um die Seele in der modernen Kunst.

«Seele» in der Kunsthalle

Bekanntlich hat die Seele in der abendländischen Wissenschaft mehrfach den Wohnsitz gewechselt. Wahlweise vermutete man sie im Zwerchfell, im Herzen, unterhalb des Rippenbogens oder, korrekt, im Gehirn. Der organischen Lokalisierung durch die moderne Hirnforschung, welche die altehrwürdige Anima zu einem Ensemble kleinerer zerebraler Einheiten der Klein- und Grosshirnrinde zusammenschnurrt, stehen Verbildlichungen der Seele in den Künsten gegenüber, die sie in räumlichen Metaphern beschreiben und ihren Widerschein in der äusseren menschlichen Erscheinung entdecken. Ihnen widmet sich die Ausstellung «Seele - Konstruktionen des Innerlichen in der Kunst» der Kunsthalle Baden-Baden. Es ist der Auftakt einer Ausstellungstrilogie, die sich mit «Multiplen Räumen» in der Kunst beschäftigt.

Ein abwechslungsreicher Parcours illustriert das Thema anhand von Werken von gut dreissig KünstlerInnen - nicht ohne einige Seitenblicke auf ausserkünstlerische Schöpfungen wie die Kreationen spiritistischer «Geisterfotografen», auf die sich eine Wandmalerei Holger Bunks ironisch bezieht: der Künstler als multipler Wünschelrutengänger auf der vergeblichen Suche nach der Seele in einer anonymen Wohnlandschaft. Kippenbergers leerer Plexiglas-Sarg mit an amtliche Schaltervorrichtungen erinnernder Lochscheibe weist nicht minder ironisch auf die zeitgenössische entseelende Versachlichung der Liebe. Beseelt erscheinen demgegenüber tote Dinge wie Alexej Koschkarows «Schrank mit vergessenem Liebhaber», der sich in wechselnden Zeitabständen unerwartet in Bewegung setzt. Bei Richard Ölze löst sich die goethezeitliche Seelenlandschaft in blubbernde Abstraktion auf, während die britische Fotokünstlerin Sam Taylor-Wood räumliche Seelenmetaphern in modernen Zweckbauten wie einer Tiefgarage findet.

Das menschliche Antlitz als Spiegel der Seele darf nicht fehlen. Verdampft in der verschiedene Fotografien überblendenden Porträtaufnahme Thomas Ruffs die Seele buchstäblich als Gegenstand fotografischer Darstellung, so überblendet Unica Zürn das menschliche Antlitz zeichnerisch ? und bringt in den Unschärfen eine Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, eine innere Pluralität von Seelischem zur Anschauung ähnlich Tony Oursler. Die Videoprojektion des Amerikaners konfrontiert den Betrachter mit einer Legion lachender, ernster und grimassierender Köpfe: Ein identisches Antlitz dissoziiert sich in ein wimmelndes Mosaik aus zeitversetzt sich wiederholenden Persönlichkeitssplittern.

Bis 
17.04.2004

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