Vereine: Ein Kaminfeuer-Bedürfnis?

Foto: Klaus Vyhnalek

Foto: Klaus Vyhnalek

Tobias Madörin · Vereinsgruppenbilder, 2003, Foto aus einer Serie mit 36 Aufnamen. Verein zur Förderung des Ansehens der Blut- und Leberwürste, Ziel: Geniessen von Blut- und Leberwürsten in geselligem Rahmen.

Tobias Madörin · Vereinsgruppenbilder, 2003, Foto aus einer Serie mit 36 Aufnamen. Verein zur Förderung des Ansehens der Blut- und Leberwürste, Ziel: Geniessen von Blut- und Leberwürsten in geselligem Rahmen.

Fokus

Matthias Horx ist Zukunftsforscher und Gründer des «Zukunftsinstituts» in Frankfurt/M. Gabriela Mattmann und Hilar Stadler haben ihm anlässlich der Ausstellung «Der Verein. Ein Zukunftsmodell. Strategien der Kooperation» im Museum im Bellpark in Kriens einige Fragen gestellt.
Nachdem auch der Schweizerische Kunstverein nach wie vor auf Vereinsbasis organisiert ist, interessiert das Thema schon in eigener Sache.
Nachdem auch der Schweizerische Kunstverein nach wie vor auf Vereinsbasis organisiert ist, interessiert das Thema schon in eigener Sache.

Vereine: Ein Kaminfeuer-Bedürfnis?

Gabriela Mattmann/Hilar Stadler: Sind Sie selbst Mitglied eines Vereins, wenn ja, wieso?

Matthias Horx: Ich bin Gründer und Mitglied im «Institut für eine Offene Gesellschaft» in Wien; eine Organisation, die zwar kein «Verein» ist, aber wie ein solcher funktioniert. Dort versuchen wir, die Idee einer liberalen Gesellschaft voranzutreiben, die in Deutschland und Österreich leider nicht verbreitet ist. Es ist die Alternative zur Mitgliedschaft in einer Partei. Als politischer Mensch wollte ich mich engagieren, aber die Politik ist für mich eigentlich nicht sehr attraktiv. Deshalb diese Form.

GM/HS: Wie werten Sie Ihre Tätigkeit in diesem Verein, für sich selbst und für die anderen?

MH: Ich glaube, hier suchen heimatlose Intellektuelle Gleichgesinnte. Das ist erst einmal einsehr menschliches «Kaminfeuer»-Bedürfnis.

GM/HS: Wie passt das Modell Verein in unsere Zeit, die mehrheitlich durch Kommerzialisierung und Individualisierung geprägt ist?

MH: Der Verein ist als eine Form des bürgerschaftlichen Engagements enorm zeitgemäss. Denn er basiert ja gerade auf der zentralen Ressource der zivilen Gesellschaft: der Eigeninitiative, die sich zum Netzwerk formt. Ich denke allerdings auch, dass wir über seine Geschichte vermehrt nachdenken müssen. Das Wort «Verein» hat ja einen eher konservativen Touch. Es klingt nach Bewahrung, Ruhe, Ordnung, Trachten, Biertrinken, Zigarren, Vereinswimpeln. Es klingt eben einfach reaktionär. Nach einem Treffpunkt der Honoratioren. Fast möchte man das Wort «Tradition» schon dazu denken und man kann sich gar nicht vorstellen, dass ein Verein keine 200 Jahre auf dem Buckel hat. Vereine sind in der Geschichte oft in historisch wilden Zeiten entstanden und dann über die Zeit «versteinert». Man denke an die Karnevalsvereine, die einmal einen rebellischen Aspekt hatten - Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit beispielsweise - und dann institutionalisiert wurden. Oder an die Köperschaften, die in der 1848er-Zeit entstanden sind und dann viele Jahre im Wesentlichen entrückte Vaterlandsästhetik gepflegt haben. Ich denke, dass in Zukunft die Grenzen zu anderen, ähnlichen Formen der Selbstorganisation verschwimmen werden, und deshalb weiss ich nicht so genau, ob das Wort «Verein» eigentlich das geschichtsmächtige sein wird. Denn es gibt ja seit den siebziger Jahren die «Bürgerinitiativen», die ja auch nichts anderes als Vereine waren, aber aus einem anderen Geist. Heute gibt es Netzwerke, Peer-Groups und «Clans» in den Städten, die aus einem anderen sozialen Momentum entstanden sind. Man muss die Tradition der klassischen Vereine verstehen, die aus den Milieus der vormodernen Gesellschaft entstanden sind. Feuerwehrvereine, Turnvereine, Kriegervereine, Trachtenvereine, das waren ständische Selbstorganisationen, oft sogar mit dezidiert politischen Interessen. Aber in der modernen Individualgesellschaft suchen die Menschen nach einer anderen Art der Zugehörigkeit, die nicht mehr so stark nach Bindung, Kontrolle etc. riecht. Die «Vereine» der Zukunft sind sicher flüchtiger, flexibler, sie geben auch dem Einzelnen mehr eigenen Raum.

GM/HS: Inwiefern ist der Verein ein Katalysator oder Blitzableiter, der soziale Spannungen neutralisiert oder kanalisiert?

MH: Vereine bilden natürlich jenes feine soziale Geflecht, in denen Gesellschaften letztendlich ihre Kontinuität organisieren. Insofern sind sie immer Anzeichen einer Zivilgesellschaft. Wer Vereine hat, will Stabilität in seinen sozialen Strukturen. Hier ist das beharrende Element der alten Vereinskultur wieder von Segen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass sich
Vereine auch politisch missbrauchen liessen. Die Kriegervereine nach dem Ersten Weltkrieg waren ein Aufmarschfeld der Nazis. Schlagende Verbindungen können äusserst militant agieren.

GM/HS: Wie ist die kollektive Intelligenz eines Vereins nutzbar? Wie kann sich ein Verein in eine grössere gesellschaftliche Einheit einbringen (politisches Lobbying) und inwiefern ist dies überhaupt wünschbar?

MH: Ich denke, beides funktioniert nach anderen Gesetzen. Eine Lobby muss immer Machtspiele treiben, sie braucht Intrige. Eine Partei muss die Mehrheit und die Macht erringen wollen, was ein Verein niemals wollen sollte. Ein Verein kann ein eigenständiges Netzwerk bilden, das zwar Interessengruppen vertritt, aber nicht mit ihnen identisch ist. Ein Beispiel sind die Rotarier, die ich nicht eine Lobby nennen würde, die aber durchaus auch einen sehr praktischen Wert im Sinne des «Networking» für ihre Mitglieder anstreben. Vereine sind eher informelle Lobbys. Sie «besetzen» ein Thema und stellen es öffentlich dar. Man denke an die alte Form der Parade oder des Vereinsfestes, das sind ja nichts anderes als «Manifestationen»: die aber keinen primär fordernden, sondern einen darstellenden Charakter haben. Man «zeigt sich». Das kann man eben auch als homosexueller Friseursverein tun und darin liegt bereits einiges an Sprengkraft ?

GM/HS: In der Schweiz sind Vereine gesellschaftstragend, unsere Kultur basiert auf dem Milizsystem. Wie steht es in Österreich/Deutschland? Und welche Trends sehen Sie für die Vereine, welche Arten von Vereinen werden weiter existieren oder neu hinzukommen?

MH: Ich denke, dass alle Zeitepochen ihre speziellen Themen haben und dass Vereine die jeweils virulenten Fragen für die Menschen widerspiegeln. Die berühmte freiwillige Feuerwehr basiert auf der existenziellen Erfahrung der Brandgefährdung in den mittelalterlichen Städten: Heute braucht man sie vielleicht gar nicht mehr, aber dieses atavistische Gefühl des «Gemeinsam gegen das Feuer» dauert in der Tiefe immer noch an. Generell glaube ich, dass die Themen, um die sich Vereine organisieren, in Zukunft einen gewissen «sex appeal» haben müssen, Es geht weg von diesen ganz allgemeinen Themen wie «Kleingärtner» oder «Tierfreunde». Ein Verein muss einen bestimmten Pep haben, einen Clou, er muss, im Sinne der Erlebnisgesellschaft, etwas bewirken, etwas herstellen, etwas «performen». Es muss ja nicht gleich immer entlang des Guinness-Buchs der Rekorde gehen, aber die Anzahl der «schrägen» Vereine, die auch das Medienspektakel suchen, wird sich erhöhen.
Und in Zukunft gibt es eben auch andere kollektive Erfahrungen. Etwa das Gefühl der Einsamkeit in der Grossstadt, das zu immer mehr Formen von jugendlichen «Clans» und «Tribes» führt, die sich um Symbole der Popkultur organisieren. Sehr mächtig sind ja auch die Vereine rund ums Auto, um die Mobilität. Kultur ist ebenfalls ein Mega-Thema, hier hat sich in den letzten Jahren unglaublich viel herausgebildet, Kunstklubs und Unterstützungsvereine bestimmter Theater oder Fans bestimmter Musikstile. Und dann wird es immer mehr Vereine mit Gesundheits- und Krankheitsthemen geben, weil der Körper und das Körperliche die Menschen zunehmend beschäftigen. Vielleicht gibt es in fünfzig Jahren die ersten Vereine geklonter Menschen. Wer weiss.

Matthias Horx, Jahrgang 1955, gilt heute als einflussreicher Trend- und Zukunftsforscher. Er studierte unter anderem Soziologie, bevor er sich als Autor von Büchern über Wertewandel, Technologie und Jugendkulturen einen Namen machte. Als Redaktor war er bei «Tempo», «Merian» und «Der Zeit» beschäftigt. 1997 gründete er sein «Zukunftsinstitut» mit Hauptsitz bei Frankfurt am Main. Dieser strategische Think Tank bildet heute die Basis für die Mission von Matthias Horx für mehr «Future Fitness», mehr Wandlungsbereitschaft in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

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