Im Zwischenraum der Bilder

Identität im Zwischenraum (Porträtfoto), 2004

Identität im Zwischenraum (Porträtfoto), 2004

Occupation, 2002, 35-mm-Film auf DVD übertragen, 8 Min.

Occupation, 2002, 35-mm-Film auf DVD übertragen, 8 Min.

Fokus

In einer Welt voller Bilder ist der Sehende blind. Von Bilderhaufen verstellte Augen lassen Imaginationen als individuelle Realitäten erscheinen. Immer mehr Bildermacher stellen sich kritisch und selbstreflexiv zur suggestiven Kraft des Illusionären. Sie entwickeln eine transparente Bildsprache, die das Ereignis Bild hervortreten lässt. Der Berliner Filmkünstler Clemens von Wedemeyer ist einer von ihnen.

Im Zwischenraum der Bilder

Clemens von Wedemeyers reflektierte Projektionen

Holz splittert. Mit einem merkwürdig kreischenden Geräusch zerreissen Saiten. Teilnahmslos, fast mechanisch fällt das Beil auf das Piano. Immer und immer wieder. Dann ist Ruhe, eine Staubwolke legt sich über die Trümmer. Gelächter klingt erstickt aus dem Hintergrund. Schnitt. Eine Szene aus Clemens von Wedemeyers Film «Big Business». Die Zerstörung des Pianos wurde in einem Gefängnis aufgenommen. In einer Art perversem Recycling errichten die Insassen der Justizvollzugsanstalt Waldheim regelmässig den Bonbontraum des Kleinbürgers: hübsche Einfamilienhäuser mit gemauertem Kamin und gepflegtem Vorgarten, fast grell hinter den grauen, bewehrten Mauern. Die Gefangenen üben. Sie lernen handwerkliches Arbeiten. Sie üben soziale Realität. Ein zur Karikatur verdichtetes bürgerliches Bild von Ordnung und Wohlfahrt. Gegen diese Ordnung verstossen zu haben, brachte sie hierher. Jetzt müssen sie täglich diese Ordnung neu errichten, um sie, wenn alles fertig ist, wieder einzureissen. Es dient ja nur der Übung.

Das Szenario von «Big Business» ist eine Nacherzählung des gleichnamigen Films von Stan Laurel und Oliver Hardy aus dem Jahr 1929. Ihr Versuch, einem Bürger an der Tür seines netten Häuschens mitten im Hochsommer einen Tannenbaum zu verkaufen, endet in der Zerstörung jenes, die bürgerliche Ordnung symbolisierenden Hauses. Die Inhaftierten spielen das Skript des Laurel-&-Hardy-Filmes nach. Diesmal üben sie nicht, sie spielen. Und die Bilder werden existenziell.

Die Film-Zuschauer sehen eine Film-Erzählung. Zugleich erlauben die Bilder nicht, sich der Illusion hinzugeben, in eine fiktive Geschichte einzusteigen. Aus den Staubwolken der scheinbar sinnlosen Zerstörung tritt das Bild als Ereignis hervor. Der wahrnehmende Mensch, so erzählen die Filme Clemens von Wedemeyers, ist mehr als der einäugige Projektor, in dessen Strahl sich die Welt zur Zentralperspektive verengt: Was wir sehen, geht uns etwas an.

Clemens von Wedemeyer arbeitet an genau diesem «regard», diesem ergreifenden Blick, und an den Prozessen, die ihn ermöglichen. Weit ausgereifter als Pierre Huyghes Remake vom «Fenster zum Hof» und deutlich konzentrierter mit den Mitteln des Films arbeitend als beispielsweise Xavier Veilhan in seinem «Projet hyperréaliste», setzt sich von Wedemeyer mit Kino-Ästhetiken auseinander. Im Film «Occupation» nutzt er Kamerafahrten à la Eisenstein oder Suspense-Schnitte à la Hitchcock. Am Schluss laufen die Personen, die zuvor aufwändig in ein Rechteck gedrängt worden waren, davon. Die Leinwand wird wieder die Leerstelle, Freifläche für Projektionen. Der Betrachter sieht im Bild, was er zu sehen wünscht, und ist dabei immer schon auf den Bahnen existierender Bilderwelten gelenkt. Das Subjekt ist im Film.

«Der Film verwandelt alle Menschen in Vorstellungen», schreibt Clemens von Wedemeyer in seinem jüngsten filmtheoretischen Text. Illusions-Kino als dunkler Ort der Subjektwerdung, in dem man sich in scheinbar stringenten Erzählungen wiederfinden kann. Jedoch nur, um nach dem erneuten Aufflackern der Saalbeleuchtung schmerzhaft die Differenz zwischen Bilderwelt und Kinosaal zu spüren - und nach neuen und mehr Bildern zu dürsten. Der Recycling-Kreislauf hält neben der Hollywood-Industrie auch unseren Wunschapparat in Dauerbetrieb. Mit der Gefahr, hinter von Bildern verstellten Augen gefangen zu sein, sich zwischen hohen Leinwänden in der kleinen Bonbon-Realität zu verlieren.

Bisweilen mag das unterhaltend sein. Es wird problematisch, wenn die imaginierte als Korrektiv der gelebten Realität dienen soll. Ohne Bilder ist die Welt nicht zu haben, mit zu vielen wird sie unbegreifbar und angreifbar. Für von Wedemeyer liegt die Lösung im Raum zwischen Projektion und Leinwand, Darstellung und Vorstellung. «Der Zwischenraum ist die Chance», schreibt er. Zwischen Projektion und Reflexion führt die Spurensuche auf den Bilderbahnen aus den Mechanismen der Wunschmaschinen heraus.

Seit seiner Solo-Show bei der jungen Pariser Galerie Jocelyn Wolff auf der FIAC ist von Wedemeyer selbst ins Star-System der bildenden Kunst geraten. Zweimal wurde die gesamte Koje verkauft: an das Musée d?art moderne de la ville de Paris und an den Pariser Sammler Philippe Cohen. Der Erfolg des Filmkünstlers überrascht nicht, behandelt er doch mit sicherer Hand eine der - spätestens mit den Bildern vom 11. September 2001 - wichtigsten Fragen der Gegenwart: Wie lässt sich das Ereignis erfahren - trotz der Bilder?

Kunst und Kino sind verschiedene Sprachen, die miteinander verwandt sind. Ich bin an beiden Sprachen interessiert. Beide zusammen erlauben es, eine Praxis zu erfinden, die neue Räume für neue Untersuchungen zur Verfügung stellt. Ich verwende Versatzstücke möglicher Filmsprachen, etwa aus Eisensteinfilmen, eine mögliche Kamerafahrt von Godard? Das sind Werkzeuge der Verführung und der Macht über unseren Blick und unseren Körper. Sie arbeiten mit der Erinnerung an etwas, das man meint schon einmal gesehen zu haben? Darum geht es mir im Besonderen: In den dunklen See unter der Leinwand zu schauen, in dem sich die Erinnerung an alle Filme befindet, die jemals auf der Leinwand abgespielt wurden. (CvW)

Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Clemens von Wedermeyer

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