Öffentliche Räume

Kunst am Bau

Öffentliche Räume

Nicht gerade viele, aber doch einige Städte haben in den letzten Jahren oder Jahrzehnten Konzepte zum Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum ausgearbeitet. In Zürich ist dergleichen nicht geschehen. Zürich hat keinen stadtübergreifenden Ansatz, geschweige denn eine finanzielle Grundlage entwickelt.

Kunst Öffentlichkeit Zürich  Ein in einem eher ungewöhnlichen finanziellen und organisatorischen Rahmen entstandenes, gross angelegtes Projekt namens «Kunst Öffentlichkeit Zürich» will diesen Zustand nun verändern. Lanciert wurde es von der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) als Forschungsprojekt auf der Basis einer Public-Private-Partnerschaft. Mit der Umstrukturierung zur (Fach)Hochschule muss sich die Institution als Forschungsstätte qualifizieren und teilweise auch finanzieren und arbeitet folglich spezielle, häufig von der Kommission für Technologie und Innovation des Bundes (KTI) unterstützte Projekte aus. «Kunst Öffentlichkeit Zürich» will die «um Jahrzehnte rückständige Situation der Gegenwartskunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich entscheidend verbessern und an die Front der internationalen Diskussion bringen», heisst es vollmundig selbstbewusst. Ein Leitbild soll ausgearbeitet werden und man will sich zu «städtebaulichen, sozialen, kulturellen und politischen Entwicklungen in Beziehung» setzen. Unter der Leitung von Professor Christoph Schenker (Leiter des Studiengangs Bildende Kunst der HGK Zürich) und dem Kernteam Susann Wintsch (freie Kuratorin, wissenschaftliche Mitarbeiterin) und Tim Zulauf (Künstler, wissenschaftlicher Mitarbeiter), zudem Bettina Burkhardt (Architektin, stellvertretende Projektleiterin und Co-Fachstellenleiterin Kunst und Bau des Amtes für Hochbauten der Stadt Zürich) sollen über zunächst zweieinhalb Jahre hinweg (bis ca. Mitte 2006) zehn Pilotprojekte realisiert und anhand deren Auswertung eine «wissenschaftliche Grundlage für eine Gesamtstrategie» erstellt werden. Viele renommierte Partner machen mit: die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, die Stadt Zürich, die Walter A. Bechtler Stiftung, die Schwyzer-Winiker Stiftung und die Swiss Re. Finnanzieren hilft die KTI, die Stadt Zürich und Stiftungen und Firmen.

Jedem der sogenannten Pilotprojekte soll eine Recherchephase vorausgehen, in der eine wissenschaftlich forschende Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachpersonen, insbesondere aus Geschichts-, Sozial- und Kunstwissenschaft, getätigt wird. In «entdeckerischer Komplizenschaft» will man sich gegenseitig bereichern und für die Kunst neues Terrain gewinnen. Christoph Schenker und sein Team haben sich zudem mit städtischen Repräsentanten getroffen und sie befragt, wo sie für Zürich charakteristische Verdichtungen oder Kontexte sehen, sei es im guten, produktiven oder im eher problematischen Sinn. So will man den für Kunst relevanten Faktoren, «Parameter» genannt, auf die Spur kommen. Zürich hat ein hervorragend ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, Zürich entwickelt sich zunehmend zu einer Global City, einem head quarter multinationaler Konzerne und der damit einher gehenden unternehmensorientierten Dienstleistungen. Will man hier mit Kunst intervenieren, Schwerpunkte setzen oder will man ganz andere Orte markieren? Bisher werden eher wage Parameter wie «Atmosphäre», «Kommunkationsmedien» oder «Zeit» genannt. Grundsätzlich scheint das Projekt keine Berührungsängste zu kennen. Von Prestigewerken als symbolischem Kapital wird gesprochen, aber auch von der «Schaffung und Differenzierung von Identitäten in neuen aber auch bestehenden Quartieren». Ausserdem will man dem Anliegen der Stadt Zürich nachkommen, welche «die Lebensqualität mit der Schaffung neuer Ereignisorte und der Förderung einer Kultur des öffentlichen Lebens konsolidieren» will.

Das erste Pilotprojekt, ein eigentlich erweitertes Kunst-am-Bau-Projekt, wird im Moment in der Hardau durchgeführt. Dabei handelt
es sich um ein umfassendes Hochhausareal in Aussersihl, im Kreis 4. Weithin sichtbar ist dieser Komplex durch seine vier Wohntürme, die mit ihren 72 und 92 Metern die höchsten Wohnhäuser der Schweiz sind. Gebaut wurden sie im Kontext eines Wettbewerbsprojekts des Architekten Max Kollbrunner von 1964. Die Planung sah damals am Stadtrand eine ganze Kleinstadt vor, von der 1976?78 aber nur ein Teil realisiert wurde. Die Hardau weist einen sehr hohen Ausländeranteil auf, zugleich eine eher bejahrte Schweizer Bewohnerschaft, beides Faktoren, die als eher schwierig bewertet werden. Seit langem versucht die Stadt durch Umstrukturierungen das Gebiet aufzuwerten, was nun vor allem durch Um- und Neubauten, auch durch Wohnungsvergrösserungen geschehen soll. Die aus diesen Bauvorhaben generierten und normalerweise vom Hochbauamt der Stadt Zürich verwalteten, beträchtlichen Kunst-am-Bau-Gelder wurden über einen Stadtratsbeschluss der «Kunst Öffentlichkeit Zürich» für ein Hardau-übergreifendes Kunstprojekt zugesprochen.

In drei aufeinander folgenden Etappen werden nun folgende Interventionen realisiert:
Der Zürcher Künstler San Keller, selbst in einer Hochhaussiedlung von Zürich wohnhaft, lud anfangs März die HardauerInnen zu einer Freinacht, einem Spiel mit offenem Ende ein. Wer wollte, konnte sich für eine Nacht als heimatlos deklarieren, indem er seinen Wohnungsschlüssel beim Künstler in einer Art Portierloge deponierte. Andere Hardauer kamen vorbei und boten den «Obdachlosen» Logis in ihre eigenen vier Wänden an. Was im täglichen Zusammenleben häufig nur nach langen Annäherungsprozessen gelingt ? die Begegnung mit dem nachbarschaftlich Fremden ?, wurde hier mittels Kunst sozusagen im Schnellverfahren möglich gemacht. Um den integrativen Input noch zu verstärken, wird Keller die HardauerInnen in einem anschliessenden Projekt nach ihren musikalischen Vorlieben befragen. Die gesammelten Vorschläge werden am 28. Mai von einem DJ in Szene gesetzt, während TänzerInnen der «San-Dance Company»
dazu tanzen.

Das zweite Hardau-Projekt ist weniger termingebunden und sprengt den «Eingeborenenkreis», auch Passanten werden angesprochen. Es besteht aus Plakaten, die von März bis Dezember, jeweils für zwei Monate auf drei Plakatstellen in der Hardau ausgehängt sind. Der Künstler Till Velten beispielsweise wird Interviews mit einem Wirt, einer Lehrerin
und dem Künstler Carl Bucher führen, von dem die der Pop-Art verpflichteten Skulpturen auf dem Hardau-Areal, die sogenannten «Elefantenfüsse», stammen. Die Aussagen der drei wird Velten auf die Plakate schreiben. Christoph Hänsli preist auf den Plakaten ein Geheimnis, nämlich «heisse Hardauerli» an, als könnten hier spezifische Waren wie «Hamburger» oder «Luxemburgerli» entstehen. Und Shirana Shahbazi stellt die BewohnerInnen in Form fotografierter Geschichten vor. Weitere Beteiligte sind David Renggli und Ana Axpe.

«Spuren eines Gedankengebäudes. Archäologie einer Utopie in der Hardau» wird ein weiteres Projekt heissen, das die aktuelle Aufwertungsintention mit den Vorhaben in den 60er und 70er Jahren vergleicht. Wie wurde die Hardau damals, wie wird sie
heute gesehen, welchen Idealisierungen bzw. Schmähungen war sie damals und heute ausgesetzt? Im Unterschied zu den früheren Projekten soll dieses als dauerhafte Installation realisiert werden.

So begrüssenswert es ist, dass die Kunst im öffentlichen Raum von Zürich eine Stimme erhält, so sehr möchte man sich zugleich wünschen, dass möglichst schnell eine öffentliche Diskussion zu «Kunst Öffentlichkeit Zürich» in Gang kommt. Diese müsste im Grunde geradezu Teil des Projekts sein. Verschiedene Fragen stellen sich. Was heisst es, wenn die Kunst im öffentlichen Raum von einer Hochschule ausgehend, hier von einem eher kleinen fixen Team verwaltet wird? In anderen Städten wurden solche Projekte häufig von Künstlergremien lanciert oder - beispielsweise in München - ist eine Kunstkommission involviert, die zu 50% aus KünstlerInnen besteht. KünstlerInnen werden auch deshalb beigezogen, um die Sache nicht allzu verwaltungs- und strategielastig zu machen. Weitere Fragen möchte man zur Forschung stellen. Würde dazu nicht auch die differenzierte Aufarbeitung bisher bestehender städtischer Konzepte für den Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum gehören? Welche Strategien, Ideen, Erfahrungen wurden in München, Düsseldorf, vom New Yorker «Public Art Fund» u.a. entwickelt? So neu ist das Zürcher Projekt nicht, dass man nicht von Bestehendem lernen könnte. Forschung auf Produktionsebene könnte auch heissen, dass man (wohlüberlegte) «Experimente» riskiert und eher unbekannte künstlerische Positionen oder Strategien an einem als Labor definierten öffentlichem Ort lanciert und anschliessend auszuwerten versucht - sofern sich Kunst «auswerten» lässt. Immer wieder muss man zudem thematisieren, was - gerade auch im öffentlichen Raum - die finanzielle Unterstützung durch Privatleute und Firmen Positives und/oder Problematisches mit sich bringt.

Bisher vorgesehen sind eine Publikations- und eine Vortragsreihe. Eine informative website (www.stadtkunst.ch) besteht bereits. Sie bietet Hintergrundinfos, Infos zu den laufenden Projekten und äusserst brauchbare links zu relevanten websites.

Autor/innen
Brita Polzer

Werbung