Wer taucht, der findet - Eine Piratengeschichte zum Beispiel

Jérémie Gindre (*1978) lebt in Genf. 2001 Diplom der Ecole Supérieure des Beaux-Arts, Genf. Foto anlässlich des Künstlergesprächs mit Daniel Baumann im Kunsthaus Baselland, 2005

Jérémie Gindre (*1978) lebt in Genf. 2001 Diplom der Ecole Supérieure des Beaux-Arts, Genf. Foto anlässlich des Künstlergesprächs mit Daniel Baumann im Kunsthaus Baselland, 2005

Marine, 2005, Kunsthaus Baselland, Muttenz, Foto: S. Hasenböhler

Marine, 2005, Kunsthaus Baselland, Muttenz, Foto: S. Hasenböhler

Fokus

Der junge Genfer Künstler Jérémie Gindre pflanzt Inseln ins Kunsthaus Baselland in Muttenz und ein Pilz-Theater in den Projektraum exex in St.Gallen. Auf Plakatwänden in Schweizer Städten verbindet er die unmöglichsten Dinge mit verschlungenen Linien. Das im Rahmen von «échanges», einer Initiative des Schweizerischen Kunstvereins, realisierte Projekt erzählt von einem der loszieht, das Kratertauchen und Unterwasserfischen zu praktizieren.

Wer taucht, der findet - Eine Piratengeschichte zum Beispiel

Zum Werk von Jérémie Gindre

Es hat ziemlich viel Leerfläche auf den Plakaten, die seit einiger Zeit in Bahnhöfen und Busstationen verschiedener Schweizer Städte auftauchen. Und wieder verschwinden. Dünne Linien verbinden randständige Sujets. Was gehört wie zusammen? Wofür wird geworben? Die Fragen lassen bald das Eilen und das Weilen vergessen und von dadaistisch-surrealer Uferlosigkeit träumen. Und davon, was ein Seehund und ein Unfall-Rennauto, was ein Zirkusanhänger namens Montecarlo und eine palavernde Männergruppe gemeinsam haben könnten. Und wohin der Dino gehört.

Jérémie Gindre interessieren weniger die surrealistisch-psychologischen Konnotationen, als das durch den Austausch angeregte Fabulieren von Geschichten und das fantastische Potenzial kultureller Vielfältigkeiten. Was er für das Projekt «échanges» des Schweizerischen Kunstvereins entwickelt hat, ist modellhaft und bezeichnend für sein ganzes Schaffen, das auf einer besonders leichtfüssigen und dennoch komplex verschlungenen Art des Collagierens verschiedener Erzählfragmente basiert.

Jérémie Gindre schafft dem Homo ludens anregende Leerstellen in der Überfülle der Bilder und Informationen. Dazu bedient er sich allerhand Versatzstücke, banal klischierter ebenso wie literarisch sanktionierter, von Herzform bis Shakespeare, und inszeniert sie auf der Bühne der Kunst ebenso generös wie im öffentlichen Raum, in Film- oder in Buchform. Das Prinzip des Fotoromans übersetzt er mit ausschweifender Leichtigkeit in die Dreidimensionalität von Installationen. Holprig und dilettantisch frönt er dem Nonsens und animiert damit die Betrachter und Leserinnen zum Interferieren von Bild und Narration. Die Erzählstränge sind die schlingenden Linien auf der Plakatwand, die Wurzelsporen von Pilzkulturen, das Verbindungssystem von Vulkanen, das lustvolle Assoziieren durch die eigenen und kollektiven Erinnerungsräume.

Das beginnt schon bei den Titeln: «Crawl & Sédiments» hiess die Ausstellung in Muttenz. Ein Begriff für Bewegung und Vorwärtskommen wird mit einem Begriff für Stillstand und bewahrendes Erinnern verbunden. Der Dialog, der daraus entsteht, bildet den Rahmen, innerhalb dessen eine oder mehrere Erzählungen entwickelt werden können.

Jérémie Gindre wirft dem Publikum lockere Häppchen zu, die aber nicht einfach zu verschlingen sind. Das Publikum beginnt, sich über die Art der Zubereitung, über die Gewürze und die Zutaten Gedanken zu machen. Da hat's ein Stück von einer Geschichte aus Peter Stamms Erzählband «Blitzeis», die vom schönen Mädchen namens Alien, von Sehnsucht und Verlorenheit handelt. Aber Alien, als Schriftzug mit einem Auto in den Sand gefahren (siehe Umschlag), könnte auch die Spur ins Ausserirdische sein. Das Floss, das die Eintretenden begrüsst, entspricht dem Bild jenes Gefährts, mit dem Jules Vernes Forschergruppe auf dem unterirdischen Ozean herumreist. Später entpuppt sich das Floss als blosse Rückseite eines realistisch gemalten Kulissenbildes mit Polizeischnellbooten im Einsatz à la Baywatch. Es gibt ein Stück Film im Aufzug, eine Flaschenpost, eine Schatzkiste und einen Anker, der gerade eine Malerei an Bord angelt. Die Kunstreferenz wird zur Piratengeschichte und die Kunsthausarchitektur zum Hochmeer.

Es sind ganz unterschiedliche Wirklichkeitsebenen, die auf den Bühnen von Jérémie Gindre zusammenfinden und eine Art Hyperrealität der Fiktion erfinden, die lineare Zeitlichkeit ebenso unbeachtet lassen wie das allfällig Erschöpfende beim Geschichtenerzählen.

Und die Pilze? In St. Gallen sind sie nicht nur als Bild für die unterirdischen Verbindungsstränge und das zentrumslose Expandieren gegenwärtig, sondern explizit und riesengross wuchern sie im zum Theater umgebauten Projektraum. Im Proszenium sieht und hört man sie miteinander reden, auf der Bühne berichtet eine grosse Malerei von der Sensation der Pilze und was wir schon immer darüber wissen wollten: «Warum die Pilze hier und dort wachsen.»

Im Gegensatz zu den Minimalisten erreiche ich das «less is more» mit einer gewissen Nachlässigkeit in der Herstellung. In der Literatur schlägt mein Herz für die unvollendeten Werke. Aus diesem Grund ziehe ich auch Modelle und Entwürfe der Realisation vor. Es ist nicht nötig, etwas in Originalgrösse herzustellen, wenn ein kleines Modell die Imagination ermöglicht. (JG)

Autor/innen
Ursula Badrutt Schoch
Künstler/innen
Jérémie Gindre

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