Ana Torfs in der Gesellschaft für aktuelle Kunst

Ana Torfs · Figure, 2002, Silbergelatineabzug, 60 x 40 cm, Foto: Ana Torfs

Ana Torfs · Figure, 2002, Silbergelatineabzug, 60 x 40 cm, Foto: Ana Torfs

Besprechung

Die belgische Künstlerin Ana Torfs (*1963), in ihrer Heimat sehr präsent, ist im deutschen Sprachraum kaum bekannt. Mit «Figuren/Projektionen 2000-2005» widmet ihr die GAK nun die erste Einzelschau in Deutschland. Torfs Arbeit mit inszenierter Fotografie, Diaprojektion und Installation zielt insgesamt auf filmische Erfahrung ab. Aus der Verflechtung unterschiedlicher Medien und dem Verschränken visueller und literarischer Erzählformen gewinnt sie eine ganz eigene Art und Atmosphäre der Darstellung.

Ana Torfs in der Gesellschaft für aktuelle Kunst

Es geht im Kern um Unauffindbarkeit von Wahrheit. Torfs Bildwelten lassen sich lesen wie eine visuelle Recherche nach Authentizität - einer Authentizität, die sich zugleich mit dieser Suche auch verflüchtigt in den Zwischenräumen von Bild zu Bild, von Bild zu Text und die im demonstrierten Entgleiten dennoch Präsenz erlangt wie ein Nachbild, das einen geschlossenen Auges befällt. Immer wieder hat sich Torfs in ihrer Arbeit mit dem Verhältnis von Wahrnehmen und Darstellung, von Abbild und Identität beschäftigt. Sie rollt das alte dokumentarische Dilemma, die unentrinnbare Verklammerung von Wahrheit und Fiktion auf der Basis fein justierter Künstlichkeit neu auf.

Torfs zeigt drei grosse Dia-Installationen sowie eine Gruppe von Fotoarbeiten. Plakate im Aussenraum und eine unbetitelte Dia-Folge im Eingangsbereich fungieren weniger als eigenständige Werke denn als Gelenkstellen im Gesamtkonzept. Jene kleine Diaprojektion etwa übersetzt den Ausstellungstitel ins zeitliche Nacheinander, zeigt abwechselnd die Worte «Figuren», «Projektionen» und das Porträt einer Frau, die sich ein weisses Blatt Papier vors Gesicht hält. Dieses rhythmisierte Ineinander von Zeigen, Löschen und Öffnen der Darstellung samt begrifflich assoziativer Aufladung macht Torfs Verfahren wie im Infinitiv deutlich. Ihre Diaprojektion «Du mentir-faux/Vom Falsch-Lügen», 2000, bringt 67 Bilder und 61 Texte in Abfolge. Die Bilder zeigen schlichte, eindrucksvolle Schwarzweiss-Porträts einer Frau, die auf unbestimmte, eher stille Weise Leiden demonstrieren. Unwillkürlich bezieht man diesen Eindruck auf die eingeblendeten Texte: befremdliche, ja absurde Fragen, gerichtet an eine nicht näher bestimmte weibliche Person. Torfs hat inszenierte Bilder einer Schauspielerin mit Zitaten aus Inquisitionsprozessen gegen Jeanne d´Arc gekreuzt. Die Montage schafft, ausserordentlich pathosfrei, eine zunehmend glaubhafte Verknüpfung zwischen Text und Bild, während die Konstruktion doch jederzeit durchschaubar bleibt: Im Ergebnis eine schlüssig austarierte Vagheit, die Torfs als offene Frage an die Betrachter retourniert. Auch «Elective Affinities/The Truth of Masks & Table of Affinities», 2002, und «The Intruder», 2004, arbeiten, in mehrfachem Wortsinn, mit Projektion - Torfs hat darin die Verflechtung von Text, Bild und gesprochenem Wort zu komplexen Kammerspielen fortentwickelt. Das Begleitheft enthält sehr instruktive Beiträge zu einzelnen Werkgruppen.

Bis 
22.04.2006
Autor/innen
Jens Asthoff
Künstler/innen
Ana Torfs

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