Huang Yong Ping in der Galerie Anne de Villepoix

Huang Yong Ping · La pêche, 2006, Glasfaser, Tierhäute, Holz, Bambus, Eisen, 475 x 250 x 230 cm, Courtesy Anne de Villepoix, © ProLitteris

Huang Yong Ping · La pêche, 2006, Glasfaser, Tierhäute, Holz, Bambus, Eisen, 475 x 250 x 230 cm, Courtesy Anne de Villepoix, © ProLitteris

Besprechung

Provokativ und tiefgründig präsentieren sich die jüngsten Arbeiten eines der Vorreiter der chinesischen Avantgarde der 80er Jahre. In den Räumen der Galerie entfaltet er mit nur vier Arbeiten eine bildliche Dekonstruktion jener Symbole, durch die sich Religionen mit mythischem Gehalt aufladen.

Huang Yong Ping in der Galerie Anne de Villepoix

Riesige Kraken schlängeln sich aus den Tiefen des Universums auf unsere Welt zu, um sie in ewiger Dunkelheit zu verschlingen. Nur einer kann sie stoppen: «Hellboy» - die Hollywood-Comic-Verfilmung verrührt in gewohnt eklektizistischer Manier alle Arten mythischer Symbole zu einem abendlichen Kinovergnügen. In der Galerie Anne de Villepoix scheinen jene Kraken versteinert festgehalten worden zu sein. Neben ihnen findet man verschiedene Symbole des Taosimus, Buddhismus, Islam und Christentums: Buddha-Figuren, einen Gekreuzigten, Schafs-Opfer, eine Fledermaus, Gebetsketten. Doch Huang Yong Pings Werk ist weit von raschen Kino-Effekten entfernt. Rund 3 Jahre hat der 52-jährige die Ausstellung «Die Hände Buddhas» vorbereitet. Die vermeintlichen «Kraken» sind vergrösserte Repliken einer chinesischen Zitrus-Frucht, die wegen ihrer fünffingrigen Form den Namen «Hand Buddhas» trägt und mit der viel religiös-mythische Bedeutung verknüpft ist. Eine ähnlich morbid-unheimliche Präsenz erzeugt die Arbeit «Schafe oder Hirsche»: ein «Vorhang» aus aufgehängten Schafs-Hufen im Schaufenster der Galerie. Die Reste eines muslimischen Opferrituals wurden ihm von Freunden überlassen. Annette Messagers Plüsch-Inszenierungen klingen an, auch Mike Kelleys erhängte Plüschtiere. Pings Arbeit verschmilzt beide Kultur-Sphären - Ende der Achtziger löste er programmatisch ein Buch über chinesische und eines über westliche Kunstgeschichte für zwei Minuten in einer Waschmaschine zu einem Klumpen Papierbrei auf. Ping ist beeinflusst von Beuys, Cage, dAdA, Duchamp, Fluxus, Foucault und Wittgenstein, die er mit Taoismus und Zen-Buddhismus kreuzt. In den achtziger Jahren gab er die Malerei auf, um sich der Installation zu widmen. Kunst soll, wie er selbst sagt, «gegen die Zeitläufte aufstehen und dem, das nicht erhalten werden sollte, Dauer ermöglichen». 1996 reagierte er mit «Three Steps, Nine Traces» erstmals auf den fundamentalistischen Terror. Mit «Die Hände Buddhas» setzt er diese Arbeit vertiefend fort und dekonstruiert die Macht des Geheiligten. Wie eine Konklusion wirkt im hinteren Raum der Galerie die Arbeit «La Pêche», Anspielung auf den Mythos vom Leviathan. Pings Kunst ist ein Fischzug im Meer des Symbolischen. Er fixiert dessen Monstren, bannt ihre Macht im Bild. «Huang Yong Pings Kunst ist in sich eine vollständige Ontologie» schreibt der Kurator Hou Hanru im Katalog einer grossen Retrospektive, die zur Zeit im MASS MoCA von North Adams, Massachusetts zu sehen ist. Anne de Villepoix hat einen Teil von Pings Werk in den Räumen ihrer Galerie eingefangen. Paris, die Stadt, in der Ping blieb, als er nach einer Gruppenausstellung im Centre Pompidou 1989 nicht mehr nach China zurück konnte, täte gut daran, die grosse Retrospektive dieses wichtigen Künstlers an angemessen repräsentativem Ort zu zeigen.

Bis 
21.04.2006
Künstler/innen
Huang Yong Ping
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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