Im Gebirge. In der Zeichnung

Marie-Theres Amici (*1943 in Neuenkirch LU), längere Aufenthalte
in Rom, USA, Krakau, Mexiko, Peru und Griechenland. Lebt in Luzern und Emmenbrücke, Foto: Nique Nager

Marie-Theres Amici (*1943 in Neuenkirch LU), längere Aufenthalte
in Rom, USA, Krakau, Mexiko, Peru und Griechenland. Lebt in Luzern und Emmenbrücke, Foto: Nique Nager

Glacier du Rhône, 2004, Bleistift auf Papier, 48 x 56,5 cm, alle Werkaufnahmen Andri Stadler

Glacier du Rhône, 2004, Bleistift auf Papier, 48 x 56,5 cm, alle Werkaufnahmen Andri Stadler

Fokus

Die Künstlerin Marie-Theres Amici zeichnet Landschaften. Dabei fokussiert sie nicht auf Horizontlinien, Bergkonturen, Weitblicke, sondern auf Bodenstrukturen, Gesteinsformationen, Gewachsenes. Das Museum im Bellpark in Kriens zeigt nun ihre Zeichnungen.

Im Gebirge. In der Zeichnung

Zu den zeichnerischen Arbeiten von Marie-Theres Amici

Glärnisch, Susten, Susten, San Gottardo, Grimsel, Seelisberg, Grimsel, San Gottardo, Richisau, Glacier du Rhône, Mönch, Grimsel, Grimsel, Wallhorn, Susten, Glacier du Rhône, Maderanertal, Schönthal.

Diese Ortsangaben bilden die Titel zu den Zeichnungen von Marie-Theres Amici aus den letzten zwei Jahren. Das Gespräch mit der Luzerner Künstlerin beginnt in der Jahresausstellung im Kunstmuseum Luzern vor ihren Zeichnungen, die als Block gehängt eine ganze Wand füllen, drei Sechserreihen mit rechteckigen Querformaten. Ein Geknäuel von Linien und Schraffuren tut sich vor unseren Augen auf, Felsformationen, Steine, Schrunde, Geröll, selten eine Linie, welche die Gipfel oder Grate bezeichnet.

Hinter jeder Zeichnung verbirgt sich eine Reise, eine Wanderung. Marie-Theres Amici hat im vergangenen Jahrzehnt immer wieder solche Zeichentouren unternommen. Ins Gebirge mit Klappstuhl und Zeichenbrett im Rucksack, in den Park von Vigier in Solothurn und in den Bothmar-Garten in Malans, und wieder ins Gebirge, oft auf den Grimselpass oder an den Rhône-Gletscher. Die Reisen gehen mit der Bahn und dem Postauto bis auf einen Pass, dann zu Fuss weiter, so hoch einen die Füsse tragen und wieder zurück. Zum Zeichnen bleiben vier bis fünf Stunden, dann kehrt die Künstlerin in eine Hütte ein oder fährt ins Tal zurück.

Wir verlassen das Museum und fahren an einem strahlenden Wintertag über Land. Von Luzern aus am Rigi vorbei, Richtung Sattel und übers Hochmoor von Biberbrugg Richtung Rapperswil. Wir reden über Landschaft. Was erzählen die Orte? Die kurvigen Strassen zwingen uns, langsam zu fahren. Der Blick schweift über den Lauerzersee und über das Rigimassiv hinweg. Das flache Dreieck des Rigi Kulm zu unserer Rechten, die Rigi Scheidegg zerklüftet und dunkel zu unserer Linken. Im Rücken die steinigen Halden des Bergsturzgebiets am Rossberg.

«Dort, da drüben, jene dunkle Stelle mit dem Wald und dem Schneefeld, mitten im Abhang», sagt auf einmal Marie-Theres Amici neben mir und zeigt mit dem Finger an den Hügel jenseits des kleinen glitzernden Sees. Ich blicke in die Richtung ihrer Hand und sehe ein Gewirr von hellen und dunklen Flächen, nichts Eindeutiges. Schon gar nichts Erhabenes. Kein schönes Panorama, keine eindringlich gezackte Linie eines Hügelzuges. «Ich würde mit dem Bleistift mitten auf dem Blatt beginnen und die Stelle in der Mitte des Hügels vom Zentrum des Papierformats aus entwickeln. Form und Form, Fläche um Fläche, das Dunkle zuerst, das Helle aussparend.» Die Künstlerin blickt wieder aus dem Fenster.

Sich ins Gebirge zu begeben, um zu zeichnen, verweist auf verschiedene Traditionslinien innerhalb der Kunst. Zum einen auf die Landschaftsmalerei, zum andern auf die Land-Art. Die Künstler des 19. Jahrhunderts hatten bereits das Gebirge aufgesucht, um zu zeichnen und zu malen. Der Zürcher Maler Robert Koller und seine Freunde das Klöntal und den Pragelpass; Alexandre Calame und Auguste Baud-Bovy das Berner Oberland. Die Künstler des 20. Jahrhunderts untersuchten mit ihrem eigenen Körper das Spurenhinterlassen in der öden Landschaft, oder sie nahmen die Kamera ins Gebirge mit. Jean Odermatt auf den Gotthard, Guido Baselgia ins Engadin, Hans Danuser an die Schiefer-Hänge des Kantons Glarus. Auch fremde Blicke sahen sich durch das Gebirge der Schweiz immer wieder künstlerisch herausgefordert. Allen voran die Engländer, von William Turner bis Richard Long.

Dennoch ist die Zeichnung bei Marie-Theres Amici nicht vorschnell einem Traditionszusammenhang der landschaftlich orientierten Kunst zuzuordnen. Die Suche nach dem Motiv in der Landschaft paart sich bei der Künstlerin mit einem Prozess der zeichnerischen Abstraktion, welcher malerische Elemente bearbeitet: Lichtverhältnisse, Nebel, Stimmungen und Atmosphären im Gebirge. Die Reduktion solcher Elemente in der Bleistiftzeichnung drängt das Begehren des Sujets nach Erhabenheit auf die Transformation zwischen Linie und Fläche zurück. Somit sucht Marie-Theres Amici im Gebirge nicht nach eingängigen Horizontlinien und spektakulären Perspektiven, sondern nach einer - weil fast unberührt von Zivilisation - möglichen Struktur des allein von natürlichen Prozessen organisierten Bodens. Ein in unseren Augen eher ungeordnetes Nebeneinander von festem Gestein, Geröll, Schnee, Wasserläufen, Felsbrocken, überzogen von Flechten oder wenigem, im Herbst verdorrendem Gras.

Erosionsspuren in der Landschaft interessieren die Künstlerin, Konturen im Fels und Geröll, Verläufe zwischen Licht und Schatten. Das Sublime der Landschaft wird nicht in aufregenden jähen Ansichten gesucht, sondern im abstrakten Gewühl eines Ausschnittes von Gebirge. Marie-Theres Amici versucht, mit der dünnen Bleistiftlinie den Details der Natur nachzufahren, die Landschaft in tausend feine Linien und Striche aufzulösen, in kreiselnde Bewegungen der Hand und des Sehens. Marie-Theres Amici nennt diese Bewegung ein Dehnen des Blicks, eine Formulierung, die sie beim Schriftsteller Wilhelm Genazino gefunden hat. Jeder Ort in der Landschaft bildet sich ihr erst mit dem Zeichnen heraus, ist nicht von vornherein auffällig als steinige Klippe oder eindeutige Mulde oder Bruchstelle.

Von einigem Interesse sind deshalb die mit der Zeichnung erfassten Wetterphänomene im Gebirge, die sich der Künstlerin als eigenes Schauspiel darbieten. Plötzlich aufkommender Nebel; Wasserdampf, der nach dem Regen aus der Hochebene aufsteigt; Wolkenfetzen, die an den Felsen hängen, und die hereinbrechende Dämmerung. Das Licht auf den Geröllhalden, das langsam vom Blaugrau der Nacht verschluckt wird. Marie-Theres Amici reagiert auf diese Phänomene vor allem mit Aussparungen. Die Künstlerin, die sich auch als Malerin vorzugsweise mit atmosphärischen Erscheinungen beschäftigt, weiss um die Vorteile, die eine reduzierte Palette an Farben zu bieten vermag. In ihrer Malerei, die sich vorzugsweise um Themen wie Wasser, Wolken oder Nebel dreht, hat sie die Reduktion der Mittel im Atelier - losgelöst vom Sujet in der Natur - im Zusammenfliessen und Schichten weniger und stark lasierender Farbe durchgespielt.

Auffallend ist, dass Marie-Theres Amici immer wieder landschaftliche Phänomene fokussiert, die nicht auf die Oberfläche von Landschaft verweisen, sondern eher in ihr Inneres, in ihre Farbigkeit und Licht-Atmosphäre. Im Garten drin sein. Im Gebirge sein. Im Nebeln sein. Versinken im Strich der Zeichnung und so Landschaft verstehen.

Sibylle Omlin (*1965 in Zug), Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Zürich. Seit 1990 Tätigkeit als freie Kunstpublizistin und Kuratorin, 1995-2001 Kunstkritikerin und redaktionelle Mitarbeiterin bei der Neuen Zürcher Zeitung, seit 2001 Leiterin des Instituts für Kunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst/Fachhochschule Nordwestschweiz. Lebt in Zürich. Kontakt: sibylle.omlin@fhnw.ch

Künstler/innen
Marie-Theres Amici
Autor/innen
Sibylle Omlin

Werbung