Krieg geht aufs Ganze

Isabelle Krieg (*1971 in Freiburg CH), lebt und arbeitet zurzeit in Zürich. 1993-98 Vorkurs und Grundstudium Visuelle Kommunikation an der HGK Luzern; 1999-2003 Aufenthalt in Berlin; 2003-04 Atelier des Schweizerischen Instituts in Rom; 2005-07 Atelier der Stiftung Binz39, Zürich.

Isabelle Krieg (*1971 in Freiburg CH), lebt und arbeitet zurzeit in Zürich. 1993-98 Vorkurs und Grundstudium Visuelle Kommunikation an der HGK Luzern; 1999-2003 Aufenthalt in Berlin; 2003-04 Atelier des Schweizerischen Instituts in Rom; 2005-07 Atelier der Stiftung Binz39, Zürich.

Milchstrasse, 2005, Installation im Garten des Museums für Kunst und Geschichte, Fribourg, Polyurethanweichschaum, Silikon, Betten; Foto: Cat Tuong Nguyen, Copyright für alle Aufnahmen ProLitteris Zürich

Milchstrasse, 2005, Installation im Garten des Museums für Kunst und Geschichte, Fribourg, Polyurethanweichschaum, Silikon, Betten; Foto: Cat Tuong Nguyen, Copyright für alle Aufnahmen ProLitteris Zürich

Fokus

Die Fribourger Künstlerin Isabelle Krieg macht keine halben Sachen. Ihre Installationen, vorzugsweise im öffentlichen Raum angesiedelt, sind von einer absurden Poesie und oft auch ein bisschen verwegen.

Krieg geht aufs Ganze

Isabelle Krieg lässt Welten spriessen

«Roti Rösli im Garte, Maierisli im Wald...» Nein, keine roten Rosen, sondern wuchernde Brüste, synthetisch und grotesk in ihrer multiplen Form. Fremdkörper, die weniger an Lustobjekte, denn an Geschwüre oder mit Nippeln besetzte Wolken erinnern. Die Formen, die Isabelle Krieg in einem verborgenen Garten des Museums für Kunst und Geschichte in Fribourg ausgesetzt hatte, hätten einem Woody-Allan-Film entsprungen sein können. Faszinierend, irritierend, vielleicht ein wenig geschmacklos: Auf Etikette bedachte Menschen reagierten betreten, Kinder hingegen taten sich überhaupt keinen Zwang an und grapschten lustvoll nach dem elastischen Material. Den ganzen Frühling und Sommer über lagen die benippelten Wolken im Gras, trotzten Sonne und Regen. Erst im Herbst, als sich das Laub in den weichen Hautfalten festsetzte, wurden sie weggeräumt.

Milchstrasse   Isabelle Krieg, die Künstlerin, die sich «Milchstrasse» ausgedacht hat, ist eine humorvolle Person. Sie wühlt in ihrer Tasche: Vor einer halben Stunde hat sie ein Eichhörnchen aus Kunststoff erstanden. Ein ziemlich kitschiges Ding, aber wunderbar in der artifiziellen Sumpflandschaft zu gebrauchen, die sie für das Centre PasquArt in Planung hat. Immer wieder dienen ihr sprachliche Assotiationsketten als Leitplanken. Für ihre grosse Einzelausstellung im Centre PasquArt mit dem Titel «KRIEG MACHT LIEBE» setzt sie sinnigerweise bei sich selber an: Krieg ist das Thema: grosse Kriege und vor allem kleine, private im häuslichen Kontext. Sie erwähnt die Schützengräben des Ersten Weltkrieges und einen Satz, der - einer Losung gleich - über all der Düsternis triumphieren soll: I refuse to be depressed or frustrated - Ich weigere mich deprimiert oder frustriert zu sein!
Die Installationen von Isabelle Krieg sind voller Zwischentöne, sehr poetisch und oft nicht ganz zu durchschauen. Sie agiert unvoreingenommen und hat keine Angst davor, besetzte Bilder zu bemühen und in ihrem Sinn aufzubrechen, umzuwerten: So wird die feministische Kritik, die in «Milchstrasse» zwangsläufig mitschwingt, nicht negiert, sondern einfach ins zweite Glied gestellt, gewissermassen als Fussnote behandelt. Wie eine Geschichte, so alt, dass man sich gar nicht mehr über sie unterhalten muss. Die wabbernden Organe der «Milchstrasse» sind weniger als Hommage an eine unterschätzte Mütterlichkeit zu verstehen. Abstraktere Momente wie der Kontrast zwischen Kunststoff und Pflanzen, die Spannung zwischen Künstlichem und Natürlichem dominieren. Krieg favorisiert eine absurde Poesie. Eine Poesie, die viel mit dem Material und seiner Handhabung zu tun hat: «Milchstrasse» hätte ursprünglich aus Wolkenbänken bestehen sollen. Erst als der Polyurethanschaum beim Experimentieren über die Form hinausquillt, kommt die neue Idee ins Spiel.
Geboren wurde die Künstlerin mit dem martialischen Namen in Fribourg. Sie hat sich erst spät, nach einer Grundausbildung in Visueller Kommunikation an der HGK Luzern, für die bildende Kunst entschieden. 1999 erhält sie das Berliner Atelier des Kantons Freiburg zugesprochen: Das ist eine Bestätigung der ersten Versuche und der Startschuss, mit der bildenden Kunst endgültig ernst zu machen. Wie schon für viele vor ihr wird die Stadt für ein paar Jahre ihr Lebensraum. Hier findet sie auch ein ideales Terrain für ihre Kunst.

Weltbilder   Für eine Gruppenausstellung in einem leer stehenden Gebäude, das zu DDR-Zeiten die FOGA, die Forschungsgesellschaft Agrarökonomie der Akademie der Wissenschaften beherbergte, richtete sie ein Zimmer ein, das so aussah, als ob eine Obdachlose darin gewohnt hätte. «Ich habe mir vorgestellt», erzählt Krieg, «dass die Frau, die hier wohnt, im Verborgenen lebt und sehr sehr einsam ist.» Eine Matratze, ein zerwühltes Leintuch und ein Stuhl, das sind die Spuren ihrer Existenz. Hinzu kommen, gewissermassen als Indizien für ihre seelische Anwesenheit, 23 Weltkartenflecken: ein paar Tapetenfetzen an der Wand, der Schmutzfleck auf dem Fenstersims, die liegen gebliebene Orangenschale - in ihnen allen sind bei näherem Hinsehen die Umrisse einer Weltkarte zu erkennen. Isabelle Krieg war sehr zurückhaltend und verzichtete auf Erläuterungen. So bemühte sie das Bild der obdachlosen Frau nur in ihrer privaten Vorstellung - von diesen und ähnlichen Hintergedanken erfuhren die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung nichts. Umso mehr sollte die Fantasie des Publikums angeregt und in die Spekulationen um «Weltraum» - so der sinnige Titel der Installation - miteinbezogen werden. «Wohnt hier der Liebe Gott?», schrieb denn auch jemand auf einen Zettel. Der liebe Gott als kurlige Einzelgängerin, deren Einsamkeit so drückend ist, dass Welten aus dem Boden spriessen? Was für eine wundersame Metapher!

Die Weltbilder beschäftigen Krieg noch eine ganze Weile: Überall platziert sie ihre Weltkarten. Auf dem Kochherd (was auf den ersten Blick wie versehentlich ausgegossener Kaffee aussah), als abgefallener Putz auf einer Hofmauer, auf dem staubigen Chassis eines Lastwagens, als Ölfleck auf dem Garagenboden oder als Plakatrest auf einer alten Holzwand. Mit vergleichbarem Unterton und in der Machart verwandt ist auch «Unerledigt», ein mehrfach variiertes Arrangement aus innen bemalten Tassen. Mit Milchkaffee und Kakao malte Isabelle Krieg aktuelle Zeitungsbilder in die Tassen. Sie wurden zusammen mit anderem ungewaschenem Frühstücksgeschirr zu ganzen Stapeln arrangiert. Teilweise schwammen die Saddams, Buschs und was sonst noch so die Tagesaktualität ausmachte in schmutzigem Abwaschwasser: Ausdruck einer prekären Balance? In jedem Fall Bilder, die sich nur vermeintlich aus der Welt schaffen lassen. Denn was sich als Kunstwerk mit einem einzigen Wisch entfernen liesse, spült im wirklichen Leben kein Spülmittel weg - leider!

Schaumschauen   Es ist gar nicht so einfach, Isabelle Kriegs Schaffen auf einen Punkt zu bringen. Manche Arbeiten haben einen politischen Unterton, andere sind reinste Poesie: «Schaumschauen», die Schaumperformance in ihrem Atelier im Istituto Svizzero zum Beispiel. Mehrmals wurde der leergeräumte Raum, hoch oben in einem Turm gelegen, mit Schaum gefüllt. Dieser quoll lustig aus Türen und Fenstern, wurde vom Wind fetzenweise fortgetragen. Viele der Projekte spielen sich im Aussenraum, in der Öffentlichkeit ab. Dieses Interesse an gemeinschaftlicher Kommunikation kann bei Krieg aber auch den Privatraum erfassen. «Gruppenknall» spielte sich in ihrem eigenen Zimmer ab: Auf halber Höhe spannte die Künstlerin ein Tuch auf, das den Raum in ein Unten und ein Oben trennte. Grosse runde Öffnungen brachten die geladenen Gäste dazu, eng zusammenzurücken, ergo auf ganz ungewohnte Weise miteinander zu kommunizieren.

Lebensfluss   Gewohntes in ungewohnte Perspektiven rücken, das ist es vielleicht, was Kriegs Arbeiten charakterisiert. Gepaart mit einem Hang zu radikalen Lösungen. Wenn sie kann, geht die Künstlerin aufs Ganze. Für «Curriculum», die Installation, die ihre Rückkehr in die Schweiz markierte, schaffte sie ihren gesamten Hausrat ins Museum. Das Bächlein, das fröhlich an Pfannendeckeln, Schultaschen und Ähnlichem vorbeifloss, steigerte die Attraktivität des Arrangements zusätzlich.
Tatsächlich schreckt Krieg vor technisch komplexen Projekten nicht zurück. Im Gegenteil, äussere Hürden scheinen fast so etwas wie der Schmierstoff ihres Schaffens zu sein. Und man staunt, was ihr alles gelingt. Etwa die Tagesauflage einer Zeitung künstlerisch zu bespielen: Als die Leserinnen und Leser der Fribourger «Liberté» am 8. Mai 2004 ihre Zeitung aufschlugen, staunten sie nicht schlecht. Von Maurice Bejart über Donald Rumsfeld bis zu einem Trüppchen Polizisten: Allen hatte die Künstlerin eine Sprechblase mit «Maman» verpasst. Die Welt aus mütterlicher Perspektive, das ist ein komplexes Themenfeld voll von moralisch triftigen Fragen. Die Sprechblasen waren vor allem anderen aber auch frech und lustig. Eine elegante Geste, die die Mächtigen dieser Welt für einen kurzen Moment zu kleinen Jungs schrumpfte. Zu Kindern, die am Rockzipfel ihrer Mütter hängen. Krieg kämpft mit raffinierten Waffen!

Als die Milchstrasse fertig war, erschrak ich und lachte gleichzeitig. Bis heute habe ich ein ambivalentes - aber liebevolles - Verhältnis zu ihrer charmanten Monstrosität. Mittlerweile ist sie durch verschiedene Gärten, Parks und Ausstellungsräume gewandert, wurde hundertfach geflickt und hatte ihren letzten Auftritt als Gebirge für die verschlungene Bahn des Trans K3 Express Ende 2006 im K3 in Zürich. (IK, 2007)

Künstler/innen
Isabelle Krieg
Autor/innen
Claudia Spinelli

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