«Le nuage Magellan» im espace 315, Centre Pompidou

Michael Hakimi · in der Ausstellung «le nuage Magellan», espace 315, Centre Pompidou, Paris, Foto: texte&tendenzen

Michael Hakimi · in der Ausstellung «le nuage Magellan», espace 315, Centre Pompidou, Paris, Foto: texte&tendenzen

Besprechung

Lange waren die Experimente im hierfür frei geräumten «espace 315» des Nationalmuseums für moderne Kunst von mangelnder Risikobereitschaft geprägt. Jetzt versammelt eine kleine Schau sieben Künstler zu einer dichten, inspirierenden Reflexion über die Moderne, ihre Visionen - und ihren Witz.

«Le nuage Magellan» im espace 315, Centre Pompidou

«Sie ähnelt talmudisch präsentierten Ideologien, kombiniert mit Haarspaltereien» - postmoderne Theorie nach Derrida oder Lacan war Stanislaw Lems Sache nicht. Gleichwohl ist sein Schreiben nachmodern: Es unterzieht die Moderne einer kritischen Nachbearbeitung. Dabei nimmt Lem mit satirischem Blick das Totalitäre, einen Charakterzug der Moderne, aufs Korn. Joanna Mytkowska, Kuratorin am Centre Pompidou, macht diesen Zug zum Vektor für die erste thematische Gruppenausstellung im experimentellen Raum des Centre Pompidou. Quellpunkt ist Lems Roman «Le nuage Magellan» (deutsch: «Zu Gast im Weltraum», 1956) und dessen futuristische wie kritische Fiktionen. Lia Perjovschis «subjektive Kunstgeschichte» im copyshop-Format reflektiert dazu intelligent Fiktion und Geschichte, während Partner Dan Perjovschi mit bekannten Filzstift-Karikaturen auf den Ausstellungswänden demonstriert. Im Fax-Format kann man die Protest-Scherze derzeit in der Galerie Michel Rein erwerben. Nach dem bitteren Lachen der Bukarester Künstler öffnet sich der Ausstellungsraum zu einer Szenerie wie im expressionistischen Grossstadt-Film. Der Kroate David Maljkovic hat Pressspanplatten zu einer bizarren Kulisse verschraubt, in deren Mitte relativ schwache Videos urbaner Gruppenspässe laufen. Gegenüber erinnern flackernde Neons der Polin Paulina Olowska an New York. Mehr nicht. Spannender wird es mit den Papierschnitten und zeichnerischen Evolutionen des Deutsch-Iraners Michael Hakimi. Er erschliesst den Raum der Architekturvisionen als Raum der Zeichnung. Eine Resonanz zu den erst vor kurzem entdeckten urbanistischen Planspielen des 2005 verstorbenen polnischen Architekten Oskar Hansen. Die Abgründe des Techno-Wundertraums der Modernen legt mit analytischer Präzision Clemens von Wedemeyer in zwei Filmen dar: «Silberhöhe», 2003, zeigt die Realität finsterer Plattenbau-Siedlungen mit cineastischen Bezügen. Tiefgreifender noch legt der mit Maya Schweizer realisierte Film «Metropolis» den Bezug zwischen Lebens- und Bildwelten dar. Er ist zeitgleich in der Galerie Jocelyn Wolff zu sehen. Ausschnitte aus Fritz Langs Werk sind hier mit Bildern aus dem Architektur-wütenden China der Gegenwart zu einer brillanten Analyse des Lebens in den Ikonologien der Moderne montiert. Wir erkennen: Fiktion und Phantasma liegen nah beieinander. Die Moderne öffnet zwischen ihnen einen Abgrund, in den zu fallen man wohl nur durch einen beherzten Sprung vermeiden kann.

Bis 
08.04.2007

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