M, Nouvelles du monde renversé im Palais de Tokyo

Peter Coffin · «Music for Plants», Installation, Rock im Gewächshaus mit der französischen Band Minitel, Palais de Tokyo, Paris, Foto: texte&tendenzen

Peter Coffin · «Music for Plants», Installation, Rock im Gewächshaus mit der französischen Band Minitel, Palais de Tokyo, Paris, Foto: texte&tendenzen

Besprechung

Während Chirac und die Pariser Kulturbürokratie davon träumen, das Palais de Tokyo zu einem «Whitney Frankreichs» zu erweitern, legt Marc-Olivier Wahler mit seiner zweiten Ausstellung eine gekonnte Mischung internationaler Kunst vor.

M, Nouvelles du monde renversé im Palais de Tokyo

Jacques Chirac haben wir das Centre Pompidou zu verdanken. Zumindest politisch: Als Premierminister verteidigte er es gegen den Widerwillen Giscard d'Estaings. Nun stellte er bei einer Feierstunde zum 30-jährigen Bestehen des bunten Röhrenbaus in Aussicht, dem Musée d'art moderne den Westflügel des Palais de Tokyo zuzuschlagen. 7000 qm für Design, zeitgenössische Kunst - und vor allem französische Produktion. Davon haben viele geträumt. Teils sind französische Künstler im eigenen Land wenig präsent. Ein «Whitney à la française» in der Museums-Hauptstadt Paris wird hier jedoch keine Abhilfe schaffen. Was fehlt, sind Produktionsstrukturen, um gute Kunst im Land zu halten. Mit seinen Kombinationen aus Kunstschau und transdisziplinärer Diskussion erzeugt Marc-Olivier Wahler produktive Dynamik. Methodisch erinnern seine Einzelausstellungs-Reihen an das Genfer Mamco, das er von 1993 bis 95 mit aufgebaut hat. In Paris wählt er inkommensurabel grosse Begriffe wie «5.000.000.000 Jahre» oder «M» mit einem Querbalken darüber, der in der Physik Antimaterie anzeigt. Die so erzeugten konzeptuellen Spielräume zwischen Kunst, Wissenschaft und Populärkultur möbliert Wahler mit teils wilden Werken. Das kann kunterbunt ausfallen oder, wie aktuell, zu anregenden Wahlverwandtschaften führen. Da steht Peter Coffins Gewächshaus, in dem Bands den Pflanzen mit Musik einheizen, neben brutalen Gemälden Joe Colemans, die im Stil Robert Crumbs die Themen von Bosch und Breughel aufnehmen. Zur Eröffnung überzog die französische Band «Minitel» die Fingerfarne mit Experimentalrock bis zur Schmerzgrenze. Da Pflanzen leiden, ohne zu klagen, erfuhr man wenig über den Ausgang des Experiments, konnte aber die Ohrenkiller erlebniswirksam mit Colemans Massenmörder-Porträts kombinieren. Derart aufgewühlt, verursachten die Vanitas-Installationen aus Schokolade, Nudeln, Seifenschaum oder Maismehl des derzeit sehr präsenten Franzosen Michel Blazy ein flaues Gefühl. Arbeiten wie «Mur qui pêle», eine mit Reismehl bestrichene Wand, die im Verlauf der Ausstellung langsam abschimmelt, erinnern an Fluxus und Dieter Roth und an die Aufgabe der Kunst, den drohenden Tod symbolisch auf Distanz zu halten. «Ich zeige eine kranke, verletzte Welt, um meine Ängste zu domestizieren», sagt Coleman. Tatiana Trouvé zeigt die skulpturale Installation dazu. Ihre ausgezeichnete Ausstellung «Double Bind» erstreckt sich über 500 qm wie das «7 1/2te Stockwerk» in Spike Jonzes «Being John Malkovich». Es ist, als durchlaufe man einen Seelenzustand, dessen Affekte, Müllkippen und Angstreservoirs. Vom Innen- in den Aussenraum führt Peter Coffins «nations (make one your own)»: ein ganzer Saal voller Flaggen und Insignien sogenannter Mikronationen. «La république géniale» von Robert Filliou oder «Nutopia» von John Lennon und Yoko Ono sind vielleicht bekannt. Mit Staaten wie Amorph, Blood Money, dem Königreich Fusa, New Atlantis oder der Republik von Passas bietet Coffin einen Kurs zur Logik nationaler Repräsentation. Der Besucher kann während der Ausstellung auch Anträge zur Einbürgerung stellen. Auch eine Antwort auf die Träume vom french Whitney: Schafft Nationen, statt national auszustellen!

Bis 
05.05.2007

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