Simon Lewis in der Gesellschaft für aktuelle Kunst

Simon Lewis · Step inside luv, 1993, Öl und Acryl auf Holz, 10,2 x 17,8 cm, Foto: Achim Kulkulies, Courtesy Lincoln County Council: The Collection Art + Archaeology in Lincolnshire

Simon Lewis · Step inside luv, 1993, Öl und Acryl auf Holz, 10,2 x 17,8 cm, Foto: Achim Kulkulies, Courtesy Lincoln County Council: The Collection Art + Archaeology in Lincolnshire

Besprechung

Der Brite Simon Lewis (*1965) gehört zur Generation der Young British Artists, doch ist er seiner ganzen Haltung nach denkbar weit von derartigen Positionen entfernt. Statt von provokativem Posing ist sein Werk geprägt von einer stillen, forschenden Genauigkeit, die sich Langsamkeit gestattet und zwischen präzisem Sehen, bildnerischem Erfinden und Empfinden navigiert. Die GAK führte zahlreiche, weltweit in Sammlungen verstreute Arbeiten Lewis' in einer ersten institutionellen Einzelschau zusammen.

Simon Lewis in der Gesellschaft für aktuelle Kunst

Lewis ist Natur- und Landschaftsforscher mit Mitteln der Kunst - er betreibt Erkundungen einer Wirklichkeit, die sich stets erst zwischen Naturraum und Subjekt entfaltet und zu deren Wahrheit es gehört, das sehende und bildkonstitutive Individuum mitzuformulieren. Lewis versucht, Wirkliches in Bildern zu binden und zugleich, ganz ohne Expression, mit Subjektivität zu durchdringen. Insofern unterliegen seine Werke, die so leicht- und luftgefügt daherkommen, einem ungeheuer hohen Formanspruch: In minutiös gemalten Landschaftsminiaturen, poetisch-hermetischen Zeichnungen, «Book of Soundings», sowie einer Reihe neuerer farbiger Textbilder, «Observances», lässt er Naturanschauung in winzigen Wahrnehmungseinheiten kondensieren und zugleich in grossartigen Panoramen aufblühen. Das knüpft erkennbar und sehr eigenständig ans bildnerische Denken der Romantik an und man bemerkt darin auch starke geistige Verwandtschaft zu Dichtern wie Henri Michaux und Francis Ponge.
Das zeigt sich besonders in den «Observances», 34 Kurztexten, die Lewis separat wie Bilder gerahmt hat und im Block präsentiert.
«Early Spring: nakedness insulated with green» heisst es da etwa oder «Spider's web: a radial domain open to both sides of the morning». Oft sind es einfache, doch ungewöhnliche Anschauungen und selbst das, was kryptisch scheint, hat hier ein typisches Nachbild und eigenen Klang.

In Lewis' Gemälden verbinden sich panoramaartige Weite und extreme Nahsicht. Die mikroskopisch feine Präzision, mit der er sanfte Hügel und grandiose Wolkenhimmel auf winzigem Format entfaltet, verlockt den Blick dazu, immer näher zu kommen, ins Bild förmlich hineinzukriechen, während sich im gleichen Zuge dann Dimensionen öffnen, bei denen man viel mehr zu sehen meint, als ein Bild eigentlich zu fassen vermag: invertiertes Cinemascope. Die mit Öl/Gesso unglaublich fein und diszipliniert gemalten Landschaften konstruiert Lewis meist ähnlich, indem er über extrem tief liegenden Horizont einen hohen Himmel setzt und ihn zur Bühne für frei schwebende Wolkenformationen und fein differenzierte Lichtverhältnisse macht. Bewusst arbeitet er dabei mit dem Bildausschnitt: Während Werke wie «Step inside luv», 1993, den Landschaftsraum auf der gesamten Fläche des Bildträgers eröffnen, ist bei den Querformaten der Reihe «Paradisiacal Footnotes», 1996-98, mittig ein hochformatiger Bildstreifen gesetzt: Was wie ein schablonenhafter Ausschnitt wirkt, lässt Landschaft noch einmal entrückter erscheinen und zugleich gesteigert in der soghaften Präsenz.

Bis 
08.04.2007
Autor/innen
Jens Asthoff
Künstler/innen
Simon Lewis

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