Nele Stecher im Museum Allerheiligen

NELE STECHER · Family Stories, 2005, Fotografie, 36,2 x 35 cm, Einzelarbeit aus der 33-teiligen Serie

NELE STECHER · Family Stories, 2005, Fotografie, 36,2 x 35 cm, Einzelarbeit aus der 33-teiligen Serie

Besprechung

Nele Stecher fiel in den letzten Jahren mit eigenwilligen «Family Stories» auf, die Text und Fotografie in Wechselwirkung setzen. Jetzt ist mit dem Manor- Preis ausgezeichnet worden. Für ihre aktuelle Ausstellung ist nun die Serie «Report from Home» dazugekommen.

Nele Stecher im Museum Allerheiligen

Was Nele Stechers (*1970) Zyklen charakterisiert, sind die nachgestellten Szenen. Bezogen auf die Familien-Geschichten bedeutet dies, dass das ehemalige Teenager-Girl aus dem Familienalbum in der nun reinszenierten Aufnahme mehr als 30 Jahre alt ist, so wie auch die abgelichteten Eltern in der Badewanne mittlerweile zwei Jahrzehnte gealtert sind. Für «Report from Home» griff die Künstlerin Abbildungen aus der Regenbobogenpresse wie die «Bunte» oder «Gala» auf, mit Männern, Frauen und Paaren, die in häuslichem Umfeld oder in Freizeit-Szenen posieren. Nele Stecher geht es in ihrer künstlerischen Arbeit also nicht um das Ablichten von bestimmten Situationen, sondern um das Verifizieren bestehender Klischees - wie um sie in einer zweiten Lesung auf ihren Gehalt hin zu prüfen respektive die Abweichungen festzustellen.
Weil aber auch diese wieder inszenierten Abbilder nur die «halbe Wahrheit» erzählen, stellt die Künstlerin manchen einen Text gegenüber. Eine Kurzgeschichte freilich, die nicht analysiert, sondern einen bis an die Grenze des Surrealen reichenden Kontext schafft. Da sehen wir beispielsweise - in «Report from Home» - eine braungebrannte, junge Frau, die an einem Sommermorgen beim Kaffee auf der Terrasse sitzt und «Tränen lacht». Der Text dazu berichtet von einem Ehemann, der die Beziehung zu seiner Frau in einer Erzählung schildert, die immer in derselben Pointe mündet. Bild und Text begegnen sich hier nicht illustrativ, sondern bieten mehrere Assoziationsmöglichkeiten. Nele Stecher arbeitet langsam und bedächtig. Der Titel der Schaffhauser Ausstellung, «Die Organisation der Liebe», benennt ihre Analyse. «Mich interessieren», so Nele Stecher, «die vielen kleinen Strategien, mit denen Menschen, die in einer Beziehung zueinander stehen, ihrer Verbundenheit Ausdruck geben.»
Die Darstellungsform, die Stecher wählt, hat in einem gewissen Sinne Buch-Charakter. Die Fotografien sind nicht zu Grossformaten aufgeblasen, sondern zusammen mit den Texten zu einer lockeren, auf Lesen und Betrachten hin ausgerichteten Wandinstallation gruppiert. Simuliert sie in «Family Stories» und «Family Portrait» mit Format- Variationen den Album-Charakter, schafft sie in «Report from Home» mit einheitlichen A3-Grössen eine gewisse Strenge, die zugleich auf die stärkere Autonomie der Teile hinweist. Ganz allgemein schlägt der noch nicht abgeschlossene «Report from Home» ein neues, offeneres Kapitel im Werk Stechers auf und dies zweifellos mit dem Potenzial für weitere Sequenzen

Bis 
19.04.2008
Künstler/innen
Nele Stecher
Autor/innen
Annelise Zwez

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