Lutz & Guggisberg

Andres Lutz & Anders Guggisberg · Il était une fois sur la terre, 2009, Installation, Gips, Holz, verschiedene Materialen, © ProLitteris, Zürich. Foto: Marc Domage

Andres Lutz & Anders Guggisberg · Il était une fois sur la terre, 2009, Installation, Gips, Holz, verschiedene Materialen, © ProLitteris, Zürich. Foto: Marc Domage

Besprechung

In der Schweiz gibt es viele Künstler-Paare. Andres Lutz & Anders Guggisberg gehören zu den bekannteren. In Frankreich hat man sie bisher übersehen. Das geht jetzt nicht mehr, dank des Genfer «attitude»-Dream-Teams Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser, neue Direktoren des Centre Culturel Suisse.

Lutz & Guggisberg

«traffic, lights, cars and planes, boats, bicycles and walkers / now I'm wandering, blind, in the city / I'm surrounded by towers, made of dirty snow» - mit «La Rupture» fasst Yann Tiersen musikalisch die Melancholie der Grossstadt. Das Album: «Le Phare». Genauso heisst auch die Hausgazette, mit der die neuen Direktoren Felley und Kaeser das Centre Culturel Suisse in Paris auf Kommunikation schalten. Leuchtturm, Leitstern oder Scheinwerfer - sie brauchen Strassenbeleuchtung auf dem Weg in die Pariser Kunstszene. Die erwartet viel: frische Konzepte, neue Netzwerke, gute Anbindung an das hiesige Geschehen. Nachdem unter Ritter das Schweizerkreuz kippte, zeigt das grafisch neu und Pro-Helvetia-affin in Magenta gestaltete Zentrum Ausgewogenheit und, mit Rubriken wie «Made in CH», auch Exportwillen.
Gleich zu Beginn ganz programmatisch: Andres Lutz & Anders Guggisberg - der eine Kabarettist, der andere Musiker (u.a. für Pipilotti Rist) im Nebenberuf. Das ist ein ganzes Spektrum Schweizer Kulturschaffens in persona - und für Paris ein Novum: Die beiden sind tatsächlich erstmals in Frankreich mit einer Einzelausstellung zu sehen. Doch Erdwühler und Sediment-Sucher haben es in Paris schwer. Schwungvoll greift das «dirty duo» gleich tief in seine Kiste voll ironischer Bezüge zu Kunstgeschichte und kultureller Identität. Wie ein Gletscher aus schmutzigem Schnee verbindet eine Gips-Landschaft Foyer und Obergeschoss. Gipsformen beschwören geometrisch Modernes. Oder eine verschneite Landschaft. Oder eine Baustelle, zur Spurensicherung abgenommen. Mit dem Zufall als «grossem Verbündeten» entwickeln die beiden mit Präzision und Methode ihr «neo-archimedisches» Universum (Andreas Baur) voll ironischer Assoziationen. Schweizer Wohnkultur wird mit Faserpappe und Teppichboden aufgerufen, dazwischen stehen Arp-artige Skulpturen und emaillierte «Schlecksteine» im «Schlecksteinzimmer». «Unmöglich, dieses Wort ins Französische zu übersetzen», klagt Anders Lutz, «der Witz, der Bezug zum Bernsteinzimmer gehen verloren, wenn man sie «Lêche-Pierres» nennt.» Dafür sitzen ihre klumpigen «Gipsgötzen» auf Miniatur-Korbstühlen wie 1974 Sylvia Kristel als «Emmanuelle» - nur weniger lasziv. Das Pariser Publikum strömte und staunte. Es wird noch weitere, auch architektonische Veränderungen erleben. Hoffentlich bleiben sie so schön selbst-distanziert, unprätentiös und trans-ironisch.

Bis 
08.05.2009
Künstler/innen
Lutz/Guggisberg
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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