Philippe Rahm - Architektur, jetzt.

Géologie blanche, Force de l'art, Paris, 2009

Géologie blanche, Force de l'art, Paris, 2009

Diurnisme, 2007, Courtesy Galerie Laurin, Zürich/Centre Pompidou, Paris.?Foto: Adam Rzepka, Centre Pompidou

Diurnisme, 2007, Courtesy Galerie Laurin, Zürich/Centre Pompidou, Paris.?Foto: Adam Rzepka, Centre Pompidou

Fokus

Welche Häuser baut das Wetter? Wie formen Luftströme Boden und Wände? Welche Räume gestalten Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Lichtverhältnisse? Dem Lausanner Philippe Rahm geht es um die unsichtbaren, physiologischen Parameter des Bauens. Darum, wie die Sprache der Architektur Vorstellungen und Lebensräume bestimmt. «Architektur wird Kunst, wenn sie ihre Sprache in Frage stellt» sagt er und baut, aktuell für die Künstlerin Dominique Gonzales-Foerster oder die Pariser Kunst-­Triennale «La force de l'art», Erfahrungs-Räume. Porträt eines Entwicklers baulicher Eigenheiten.

Philippe Rahm - Architektur, jetzt.

Wie ein Gebirge liegt das weisse Gebilde aus unregelmässigen geometrischen Formen im Raum. Dessen Glaskuppel, sonst lastet sie schwer mit ihrem ornamental-dramatischen Stahlskelett-Rhythmus, spannt sich über die weisse Landschaft wie ein Himmel aus Architektur. Vielversprechend, was Philippe Rahm da als Bühnen-Architektur für die kommende, staatlich organisierte Kunst-Repräsentations-Schau «La Force de l'Art 02» im Hauptschiff des Grand Palais entworfen hat. Ideal, um jene Kunstwerke in Szene zu setzen, die zeigen sollen, wie dynamisch Frankreichs aktuelle Produktion ist. Statt O'Dohertys «White Cube», derzeit vom französischen Kunstdiskurs (wieder-)entdeckt, bietet Rahm eine «weisse Geologie»: «Ergebnis der abstrakten Kräfte und plastischen Deformationen, die von den Kunstwerken selbst ausgehen». Im Gespräch sagt er mit dem ihm eigenen ironischen Lächeln: «Ich musste an «Flatland» denken». Die 1884 von Edwin Abbott Abbott veröffentlichte Kurzgeschichte über die geometrischen Bewohner einer zweidimensionalen Welt ist eine spitze Satire viktorianischer Hierarchien. Rahms Ausstellungs-Dispositiv faltet sich in Form und Umfang um jedes Kunstwerk wie ein kubistisches Kabinett. So bewohnen nun Gilles Barbiers Mobiles aus schwarzen Zeichnungen ebenso ihren individuellen Ausstellungsraum, wie Mircea Cantors zu DNA-Doppelhelixen geschnitzte Holztüren, Guillaume Leblons grosse Installation, die poetisch Architektur und ihre Funktionen befragt, oder die riesige Fotosammlung «International Kebab», die Wang Du dem Besucher zur Verfügung stellt.

White noise
Rahm baut ein konstruiert-visuelles weisses Rauschen: «In der unechten Atmosphäre des Grand Palais entsteht eine unechte Geologie. Das Weiss agiert nicht im Sinne einer Entleerung, sondern als Auflösung von Konturen und Umrissen. Man soll die Raumecken kaum wahrnehmen». Das bringt die Architektur des 42-jährigen auf den Punkt: Er schafft Erfahrungs-Räume statt Wohn-Kisten, richtet die Aufmerksamkeit der Bewohner auf all die unsichtbaren Parameter, die unser Hausen bestimmen. «Die Grundelemente Raum und Licht haben heute andere Bedeutung. Man weiss jetzt, dass Licht ein biophysischer Trigger ist, dass Raum ein spezifisches Gewicht hat, nie leer ist, sondern voller Mikroorganismen und durchwoben von Kräften, die Einfluss auf die Architektur haben.» Dem Licht als Schaltfunktion unseres Biorhythmus widmete Rahm im Centre Culturel Suisse 2005 mit «Verlängerter Frühling» eine abstrakte Arbeit, die den Zyklus von Melatonin darstellte, dem menschlichen Licht-Hormon, das auch das Altern beeinflusst.

Symbolisches Leuchten
Nicht immer bietet Rahms Umgang mit «unsichtbarer Architektur» ästhetisch ansprechende Objekte, bisweilen dienen sie nur als Anstoss dazu, genauer nachzulesen. Doch genau um diesen Anstoss der «Vorstellungen im Inneren» geht es Rahm, er will «einen Sinnbezug zum Raum» herstellen. Das meint die Sinne ebenso wie den Sinn, jenes von imaginären und symbolischen Kräften geformte Gerüst des Realen. Für den Ausstellungsraum «Le Life» in St. Nazaire, untergebracht in einem ehemaligen U-Boot-Bunker, entwickelte er einen reduzierten «Winterstrand». «Der Strand als gesunder Lebensraum wurde erst um 1830 entdeckt, als man erkannte, dass Jod gegen Kropf gut ist und dass UV-Strahlen Vitamin D bilden. In der Schweiz hat man dann Salz mit Jod angereichert, das Meer näher heran geholt.» Zu sehen waren im Raum gestaffelte UV-Licht-Röhren und ein feiner Nebel jodhaltigen Dampfes. Was sich als körperliche Erfahrung anbietet, ist bei Rahm auch Bezug zu den symbolischen Systemen, die Architektur tragen.

Grammatik der Architektur
«Meine Arbeit ist angewandt, aber es gibt eine Sprache der Architektur - Le Corbusier baute sie anders weiter als Mies van der Rohe. Sprache besteht aus Worten, Sätzen und deren Kompositionen. Stellt man diese Elemente neu zusammen, entsteht eine andere Sprache. Ich stelle mit meiner Arbeit deren Elemente und deren Kompositionen in Frage.» Philippe Rahm bearbeitet die Bedingungen der Möglichkeit von Architektur. Ob mit «Le Jardin extraordinaire», 2004, einem «Stimmungsgarten» für das Gartenfestival in Lausanne, damals noch mit seinem Partner Décosterd, von dem er sich im Jahr darauf trennte; ob mit dem Entwurf zweier Ferienhäuser auf der Île de Vassivière, die nach Luftfeuchtigkeit oder nach Luft-Temperatur strukturiert unsichtbar Bezug zur Landschaft nehmen; oder ob mit «Glissement construit», einer Arbeit zum globalen Klimawandel, die nach dem Kunsthaus Thurgau nun im Rahmen von «Moralische Fantasien» im Museum Morsbroich gezeigt wird: Philippe Rahm untersucht die Grammatik, mit der Architektur Lebensräume gestaltet.
Durchgehender Bezugspunkt seiner Entwürfe sind der Mensch und sein Körper. Integriert er auch meteorologische, physikalische, globale Phänomene, so bleiben sie doch an den Körper gebunden, den Rahm in Beziehung setzt zu dem ihn umgebenden Bau. Hier entsteht ein Widerspruch: Rahm mischt fürs Allgemeinmenschliche gefundene naturwissenschaftliche Ergebnisse mit dem Anspruch auf individualmenschliche Raumformung, die jetzt freilich anderen, unsichtbaren, naturgesetzlichen Strukturvorgaben folgt. Doch Rahms Projekte, das ist ihre Stärke, stützen sich nie ausschliesslich auf die harten Wissenschaften. Sie erkunden die Beziehung zwischen Mensch und Bau als Gewebe aus biophysischen, gegenständlichen, imaginären und symbolischen Kraftlinien. Für die Londoner Barbican Gallery konzipierte er ein Blas-Quintett, dessen Musiker jeweils mit ihrem Lungenvolumen den (Luft)-Raum bilden, der dann zum architektonischen Raum gerinnt. Rahm stützt sich hier auf György Ligetis Klangflächenkompositionen und musikalische Raumbildungen und extrahiert aus ihnen den bau-relevanten Gehalt.

Kunst-Bau
Diese Forschungsarbeit an den Konstruktionsweisen von Raum und Erfahrung bringt ihn in die Nähe aktueller künstlerischer Arbeiten von Hans Schabus bis Monika Sosnowska. «Architektur wird Kunst», wiederholt er, «wenn sie ihre Sprache in Frage stellt. Sie wird jetzt in Museen und auf Biennalen gezeigt, weil das Orte der Forschung geworden sind.» Sein «Digestible gulf stream» betrieb auf der letzten Venedig-Architektur-Biennale hausklimatische Grundlagenforschung, die im Architektenalltag zwischen Ausschreibungen und Wettbewerben kaum noch Platz findet. Doch Rahm denkt nicht nur, er baut auch, gern für andere Künstler. Aktuell arbeitet er an der Umsetzung des «Interior Gulf stream», dem Haus für Dominique Gonzales-Foerster. «Normalerweise ist es unter der Decke heiss und an den Füssen kalt», erklärt er sein Konzept, «würde man nun asymmetrisch Kühl- und Heizelemente im Haus anbringen, entstünde ein Miniatur-Golfstrom.» Eine Luftbewegung, der sich das Haus anpasst: Böden und Ebenen verlaufen fliessend und steigen, dem Verlauf der Wärmeströmung folgend, an oder ab. Das Ambiente verkörpert seine Bewohnerin: «In allen Dingen», sagt Gonzales-Foerster, «ist immer ein Ungleichgewicht zu finden. Das Leben entsteht aus Ungleichgewicht. Mein Haus erzeugt eine solche Asymmetrie als Auslöser von Bewegung.» Rahms Kunst stellt drängende Fragen von Umwelt- und Lebenszusammenhang neu, macht sie für Architektur relevant. Und ermuntert dazu, seinen je eigenen Lebensraum zu formen, statt sich den Funktionalitäten des Gebauten zu unterwerfen.

Jens Emil Sennewald, Kunstkritiker in Paris, schreibt für Kunstzeitschriften in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich, gibt ein Jahrbuch zu Kunst und Wissenschaft heraus und unterhält den Projektraum café au lit in Paris.

Bis 
25.04.2009

Philippe Rahm (*1967) lebt und arbeitet in Paris und Lausanne

1993 diplomiert als Architekt an der École Polytechnique, Lausanne
2000 Stipendiat der Villa Medici, Rom
Seit 2003 Professor an verschiedenen Kunst- und Architekturhochschulen, darunter die Ecole Poly- technique Fédérale, Lausanne, die Ecole Nationale Supérieure de Beaux-Arts, Paris und die Académie d'Architecture, Mendrisio. Dozent an der Ecole cantonale d'art, Lausanne

Einzelausstellungen
2008 Le Life, St. Nazaire
2006 Centre Canadien d'Architecture, Montreal
2005 Centre Georges Pompidou, Paris (ständige Sammlung) 2005 Centre Culturel Suisse, Paris; FRAC Centre, Orléans
2004 CCA, Kitakyushu, Japan 2002 8. Architektur-Biennale Venedig

Moralische Fantasien, Museum Morsbroich, Leverkusen, bis 26.4.
«Extreme Frontiers, Urban Frontiers», IVAM Institut Valencià d'Art Modern, Valencia, 28.5.-15.11.
Future has arrived. Architecture for a sustainable World, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, 29.5.-27.9.
«Radical Nature, Art & architecture for a changing planet, 1969-2009», Barbican Centre, London, 19.6.-20.9.
Aktuelle Publikation: «Architecture météorologique», erscheint im April bei archibooks, Paris

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Institut Valencia d'Art Modern Spanien Valencia
Louisiana Museum of Modern Art Dänemark Humlebæk
Museum Morsbroich Deutschland Leverkusen
Künstler/innen
Philippe Rahm
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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