Léopold Rabus

Léopold Rabus · Envol d'oiseaux, 2009, Öl auf Leinwand, 240 x 300 cm, Privatsammlung, Zürich

Léopold Rabus · Envol d'oiseaux, 2009, Öl auf Leinwand, 240 x 300 cm, Privatsammlung, Zürich

Leopold Rabus . La bergere et le bucheron, 2006, Oel auf Leinwand, 200 x 240 cm, Kunstsammlung Julius Baer, Zuerich.

Leopold Rabus . La bergere et le bucheron, 2006, Oel auf Leinwand, 200 x 240 cm, Kunstsammlung Julius Baer, Zuerich.

Besprechung

Léopold Rabus ist einer der erstaunlichsten Vertreter junger Malerei in der Schweiz. Mit Motiven aus seiner nächsten Umgebung gestaltet er dichte Aussagen zu Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit. Das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen widmet dem Künstler aus Neuchâtel eine Übersichtsschau.

Léopold Rabus

Ein Bild von Léopold Rabus (*1977) betrachten heisst, in einen Traum eintauchen. Wo sonst wären wir fähig, uns so blindlings in einer Welt zurechtzufinden, die bizarr wirkt und dem vertrauten Alltag doch so ähnlich sieht, die in all ihrer wilden Fantastik so überzeugt, dass wir in einem schwarzmähnigen Hünen willfährig unseren kleinwüchsigen kahlköpfigen Musiklehrer erkennen?
Rabus arbeitet mit Versatzstücken des Alltäglichen und Vertrauten. Die einzelnen Motive seiner Bilder stammen meist aus der unmittelbaren Umgebung; vieles ist sofort erkennbar. Naturräume wie in «Scène d'alpage», 2008, oder «Envol d'oiseaux», 2009, wirken ebenso realistisch-vertraut wie das Chalet in «Quelqu'un prend le journal», 2006. Irritierend indessen sind die Perspektiven, die Montagen, das gilt vor allem für die Figuren, deren delikat gestaltete Hände, Köpfe, Körper zuweilen so disparat wirken, als seien sie aus Bildern unterschiedlicher Grösse geschnitten und wahllos zusammengefügt. Sie erscheinen grotesk verdreht, verzerrt; Köpfe sind karikaturesk vergrössert oder um 90° gedreht - etwa in «Personnes derrière une serre», 2009 - Gliedmassen erscheinen verrenkt oder bilden, wie in «Le point d'eau», 2008, eine Kette ineinander verkrampfter Finger, die ohne jede Körperzugehörigkeit aus einer Regenrinne ragen und eine Figur über dem Abgrund eines Treppenschachts halten. Oder stösst dieser Händestrick die Figur, die nur in Pulli und Unterhose in der Winterkälte zappelt, in die Tiefe hinab?
Rabus lässt seine Bilder auf der Grenze zwischen Traum und Albtraum, Lust und Erschrecken, romantischer Naturstimmung und abgründiger Seelenwelt balancieren. Liebe und Begehren und die eisige Erfahrung der Einsamkeit sind häufige Themen in Rabus' Bildern. In seinen verzerrten Figuren verbildlicht der Spross der Westschweizer Künstlerfamilie Rabus die Verrenkungen, die aus der Notwendigkeit heraus entstehen, den Widerstreit der innersten Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse auszuhalten, auszutarieren und ein alltagstaugliches, kohärentes Äusseres zu produzieren. Seine Bilder führen mitten hinein in die Wurzelmasse aller Wünsche. In wandfüllenden Formaten schafft Léopold Rabus bühnenhafte Bildräume, gestaltet unheimlich-vertraute Innenwelten, in denen Liebe und Zerstörung, Glück und Hass, Tod und Leben innig ineinander greifen.

Bis 
22.05.2010
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Léopold Rabus

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