‹Sous nos yeux›

Gabriella Ciancimino · Liberty Fleurs (Project Le jardin de la Résistance), 2013, Composition de dessins + 1 sculpture, Courtesy L'appartement 22 und Adel Abdessemed, Mappemonde, 2012, Ausstellungsansicht, La Kunsthalle Mulhouse

Gabriella Ciancimino · Liberty Fleurs (Project Le jardin de la Résistance), 2013, Composition de dessins + 1 sculpture, Courtesy L'appartement 22 und Adel Abdessemed, Mappemonde, 2012, Ausstellungsansicht, La Kunsthalle Mulhouse

Badr El Hammami · Côte à Côte, 2012, 80x60 cm, Courtesy L'appartement 22, La Kunsthalle Mulhouse

Badr El Hammami · Côte à Côte, 2012, 80x60 cm, Courtesy L'appartement 22, La Kunsthalle Mulhouse

Besprechung

Die Kunsthalle Mulhouse überlässt dieses Jahr dem französisch-marokkanischen Kurator Abdallah Karroum das Feld. Unter dem Titel ‹Sous nos yeux› zeigt er künstlerische Positionen, die sich weniger als Kunstwerke an sich definieren, als vielmehr am interkulturellen Austausch interessiert sind.

‹Sous nos yeux›

Die Ausstellung ist luftig. Ein paar Fotografien und Zeichnungen hängen an den Wänden, wenige Objekte stehen im Raum, ein Film läuft in der Blackbox. Gabriella Ciancimino ist bereits im Januar nach Mulhouse gekommen, um ihr im Rif-Gebirge begonnenes Projekt ‹Le Jardin de la Résistance› mit Ortsansässigen weiterzuentwickeln. Spuren in Form von künstlichen Gärten, die aus Erde und alten französischen Backsteinen, italienischen Blumenfliesen und Metallstäben bestehen, zeugen vom kollektiven transnationalen Handeln. Allerdings muten sie eher kühl an. Die dahinterstehenden Gedanken und Gespräche zu politischem Aktivismus, sozialem Austausch und Botanik sind gleichsam erstarrt.
Sehr viel überzeugender ist die Arbeit ‹Côte à Côte› von Badr El Hammami. Der in Valence lebende Marokkaner beobachtete bei einem Aufenthalt in Rabat senegalesische Händler, die ihre Waren in den Strassen feilbieten. Er fotografierte sie und schenkte ihnen anschliessend ihr Foto, um sie mit dem Foto in der Hand an ihrem urbanen Arbeitsplatz nochmals aufzunehmen. Im Gegenzug erhielt er Geschenke: ein Päckchen Taschentücher, ein Lederarmband, eine kleine Figur etc. Seine Werkanordnung führt die Vertrautheit zwischen Künstler und Händler und die fotografische Doppelung der Situation (Letzteres kennt man von Pierre Huyghes ‹Billboards›) zusammen, um deren Lebensumstände zu verdeutlichen.
Daneben erinnert Hammamis Tauschmünze aus der Francozeit, die sich unaufhörlich auf einem Tisch dreht, an Zeiten, als die spanischen Enklaven Nordafrikas wichtige maritime Umschlagplätze waren. Auf einem Balkon in Rabat stehend simuliert der Kolumbianer Pedro Gómez-Egaña mit Papierbildchen Zusammenstösse aller Art, während von der Strasse der alltägliche Lärm einer immer lauter werdenden Demonstration zu hören ist. Auf der Schwelle zwischen innen und aussen, zwischen Fiktion und Realität bleibt sein symbolisches Tun merkwürdig in der Schwebe. Die präsentierten Positionen versteht Abdallah Karroum, der 2002 in Rabat den Ausstellungs- und Atelierort ‹L'Appartement 22› und 2004 das Radio ‹R22› gründete, als Beispiele eines anderen Kunstschaffens: im Kollektiv, zwischen Kontinenten, zwischen Künstlern und Nichtkünstlern, im tatsächlichen Leben. Ein Tondo aus roten verbeulten Konservendosen von Adel Abdessemed zeigt schliesslich eine Weltkarte: Werbung ist weltumspannend. Signalrot wie Blut.

Bis 
27.04.2013

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