Rochelle Feinstein - Seitensprünge im Gitter abstrakter Malerei

Rochelle Feinstein · In Anticipation of t Women's History Month: Selected Works, 2016, Ausstellungsansicht Centre d'art contemporain Genève. Foto: Gunnar Meier

Rochelle Feinstein · In Anticipation of t Women's History Month: Selected Works, 2016, Ausstellungsansicht Centre d'art contemporain Genève. Foto: Gunnar Meier

Besprechung

Als erste Professorin für Malerei an einer amerikanischen Universität ist Rochelle Feinstein gewiss keine marginale Figur. Dennoch enthüllt erst ihre nun in Genf gezeigte Retrospektive die ganze Kraft der Verarbeitung emotionaler Erschütterungen in abstrakten Gemälden.

Rochelle Feinstein - Seitensprünge im Gitter abstrakter Malerei

Feinstein (*1947, Bronx/NY) geniesst das Malen, das Oszillieren zwischen Süffigem und Dreckigem. Sie malt, ohne die Erinnerungen zu verdrängen, die Farbflüssigkeiten auch erwecken können: an Speichel, Blut, Milch, Sperma, Urin, Kot, Eiter - und damit an Stoffwechsel, Sex, Entbindung und an all die Wunden, die uns das Leben schlug, seit wir aus unserer Mutter plumpsten, aber auch an Verkrustung und Vernarbung. Doch es ist nicht nur der so generierte, sich schelmisch jeder fotografischen Dokumentation entziehende Reichtum der Textur, der ihre scheinbar auseinanderdriftenden Bilder miteinander verbindet. Es ist die grundsätzliche Weigerung, Geistiges und Seelisches zugunsten einer Objektivierung bzw. jeder Form von Abstraktion zu verdrängen. Sie betreibt ihre Kunst deshalb nicht planmässig, sondern eher eruptiv mit sporadischen Nachbeben. Auslöser für ihre Werkserien sei jeweils «something I need to work on» - wie sie in psychoanalytischem Jargon formuliert.
Dies kann Intimstes sein, ein Liebhaber, dessen Seitensprungitinerarium sich wie ein Gitter über eine schematische Landkarte der USA legt, oder ein gerissenes Kondom, dessen Inhalt sich über ein früheres Bild ergiesst. Häufiger aber sind es ökonomische, soziale und kulturelle Sackgassen, welche die engagierte Frauen- und Bürgerrechtlerin in ihr Atelier treiben: So beugt sie sich in einer giftig grünen Sprechblasenserie über den destabiliserenden Ausruf «I love your work», stellt sich der Wirtschaftskrise 2009 durch einen Versuch, ihren ganzen Atelierinhalt in einem ‹The Estate of Rochelle F.› zu verwerten, oder erinnert die immer mehr von spiritueller Elevation besessene Künstlerkollegin Marina Abramovic, ungehalten über deren Aussage «I am not a feminist», in fünf zusammen mit einem chinesischen Kopisten gefertigten Bildern an die Vagina.
Feinstein hat immer ausgestellt, aber nie auf mehr als auf ca. 20 m². Fabrice Stroun und Tenzing Barshee enthüllen so in ihrer Retrospektive erstmals die verblüffend kohärente Polyphonie ihres rotzigen, überbordenden, humorvollen, aber auch melancholischen Ausreizens der abstrakten Malerei, die vom Mainstream ihrer Generation eigentlich ad acta gelegt worden war. Anfangs für die Kunsthalle Bern vorgesehen, hat Andrea Bellini der genialen Schau im CAC in Genf die Tür geöffnet und sie gleich an zwei weitere Adressen vermittelt.

Bis 
24.04.2016

Centre d'art contemporain/CAC Genève, bis 24.4.; anschliessend Lenbach Haus München und Kestner­gesellschaft Hannover

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Rochelle Feinstein 21.01.201624.04.2016 Ausstellung Genève
Schweiz
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