Julian Rosefeldt - Manifesto

Julian Rosefeldt · Manifesto (beide Aufnahmen mit Cate Blanchett), 2015; oben: die Wissenschaflterin spricht zu Suprematismus und Konstruktivismus; unten: der Obdachlose spricht zu Situationismus, Filmstills ©ProLitteris

Julian Rosefeldt · Manifesto (beide Aufnahmen mit Cate Blanchett), 2015; oben: die Wissenschaflterin spricht zu Suprematismus und Konstruktivismus; unten: der Obdachlose spricht zu Situationismus, Filmstills ©ProLitteris

Besprechung

Schon die Idee ist grössenwahnsinnig und genial: Der Architekt und filmische Autodidakt Julian Rosefeldt frass sich durch 54 Kunst-, Film- und Architektur-Manifeste von Dada bis Dogma und kompilierte die poetisch funkelnden, revolutionär und pathetisch donnernden Zitate zum gewaltigen Meta-Manifest.

Julian Rosefeldt - Manifesto

Zwölf verschiedene Charaktere verkörpert die grandiose Cate Blanchett in der 13-Kanal-Film-Installation ‹Manifesto› von ­Julian Rosenfeldt (*1965, München). Die Zündschnur wird mit dem Kommunistischen Manifest entfacht: «Alles Ständische und Stehende verdampft.» Was folgt, ist ein ungemein vielgestaltiger, bildgewaltiger und stets präzise komponierter Reigen aus zwölf Elf-Minuten-Filmen mit Blanchett u.a. als Brokerin, Choreografin, Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, Obdachlose. Ihnen allen gemein ist, dass sie unentwegt sprechen. Der Text wird dabei mit Figur und Milieu konterkariert und oft mit ­feinem Humor in Szene gesetzt: Zu Bruno Tauts Weltendämmerung springt der Toast, in einer anderen Episode versammelt sich eine fünfköpfige Familie (gespielt von Blanchetts Ehemann und Söhnen) zum Essen um den Truthahn am Tisch. Die Mutter trägt mit heiligem Ernst das etwas andere Tischgebet vor: «Ich bin für eine Kunst, die politisch-erotisch-mystisch ist, die etwas anderes tut, als im Museum auf ihrem Arsch zu sitzen.» Wie bitte? Die Jungs beginnen zu feixen, böse Blicke der Eltern. ­Voller Inbrunst setzt Mama Claes Oldenburgs Credo «I Am For...» von 1961 fort. All diese «testosterongeladenen Texte» seien, so Rosefeldt, von jungen Künstlern geschrieben worden, als sie noch nicht bekannt waren. Sie schufen Sätze für die Ewigkeit - und manche für den Mülleimer; ‹Manifesto› offenbart auch, wie sich die Phrasen gleichen. Kaum der Rede wert, dass sie, bis auf eine Ausnahme, von Männern verfasst wurden. Darum werden sie hier konsequenterweise vorgetragen von einer Frau. Die Schauplätze, die der Regisseur für dieses Vexierspiel gewählt hat, sind ebenfalls exquisit, ein «Best of» der Berliner Architektur des 20. Jahrhunderts.
Rosefeldt inszeniert nicht theatralisch, seine Filme sind fürs Bild erdacht wie ein Tableau vivant. Doch am Ende genehmigt sich der intellektuelle, ironische, manische Perfektionist eine Extraportion kinoreifes Pathos: In Slow Motion zeigt die Kamera einen Schulhof mit Kinder,n zwischen denen - schwer symbolisch - Tauben hochfliegen. Später sitzen sie, jedes in seine Tätigkeit versunken, an ihren Pulten und ­malen - «Nothing is original». Dieses kreative Potenzial ist, Kunsthistorikern und Museen zum Trotz, doch die reinste und radikalste Form der Kunst, oder?

Bis 
15.05.2017

‹Manifesto›, Screening in der Reihe ‹CinemArt› von Hauser & Wirth, Kino Arthouse Picadilly, Zürich, 7.4., 12.15 Uhr; 9.4., 11.30 Uhr

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Hauser & Wirth Zürich Schweiz Zürich
Sprengel Museum Deutschland Hannover
Staatsgalerie Stuttgart Deutschland Stuttgart
Villa Stuck Deutschland München
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Julian Rosefeldt 16.02.201721.05.2017 Ausstellung München
Deutschland
DE
Julian Rosefeldt 16.12.201614.05.2017 Ausstellung Stuttgart
Deutschland
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Julian Rosefeldt 04.07.201629.01.2017 Ausstellung Hannover
Deutschland
DE
Autor/innen
Roberta, De Righi
Künstler/innen
Julian Rosefeldt

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