Abraham Cruzvillegas - Das unbestechliche Gesicht des Spiels

Abraham Cruzvillegas · Autorreconstrucción: Social Tissue, 2018, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Kunsthaus Zürich

Abraham Cruzvillegas · Autorreconstrucción: Social Tissue, 2018, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Kunsthaus Zürich

Besprechung

Der Mexikaner Abraham Cruzvillegas verwendet Abfälle aller Art, um daraus Objekte, Installationen oder anonyme Selbstporträts zu bauen. Damit ist allerdings noch fast nichts darüber gesagt, was es heisst, vor seinen Werken zu stehen. Dies lässt seine aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Zürich deutlich werden.

Abraham Cruzvillegas - Das unbestechliche Gesicht des Spiels

Zeitgenössische Kunst politisiert gesellschaftliches Handeln auf sehr unterschiedliche Weise. Gerade in Komplizenschaft mit kunstkritischen oder kuratorischen Statements geht es dabei oft darum, mit einer Ausstellung eine messerscharfe zeitgeschichtliche Diagnose zu stellen und in einer Kritik den sozialreformatorischen Diskurs aufzunehmen. Gewiss könnte man auch die Arbeiten von Abraham Cruzvillegas (*1968, Mexiko City) so lesen und darüber schreiben, wie die Abfälle, die er verwendet, Aufschluss über die Wegwerfmentalität der spätindustriellen Zivilgesellschaft geben. Oder davon, wie die Spontanität und Poesie seiner Basteleien den rigiden Ordnungsimperativ der Moderne entlarven. Dieser Weg liegt auf der Hand, so schreibt der Rückversicherer Swiss Re - Sponsor der Cruzvillegas-Schau im Zürcher Kunsthaus - in die Ausstellungsunterlagen: «Solidarität, Klimawandel und Katastrophen. Das sind Themen, die auch die Swiss Re beschäftigen.» In dieser Besprechung soll deshalb nicht weiter davon die Rede sein, sondern vielmehr davon, was es in Cruzvillegas' Arbeiten an Unkompliziertem, Ursprünglichem und Überzeitlichem zu entdecken gibt.
Gleich vorweg muss gesagt werden, dass es sich bei der als Retrospektive formulierten Ausstellung um ein prozesshaftes Format handelt: keine Überblicksschau also, sondern eine Ausstellung, die sich in ihrer Erscheinung konstant verändert und eher nach so etwas wie der erlebbaren Essenz von Cruzvillegas' künstlerischem Schaffen sucht, wie sie danach strebt, ihn rein analytisch zu erfassen. Konkret heisst das, man gelangt in den grossen rechteckigen Ausstellungsraum, an dessen Kopfende eine Art Werkstatt eingerichtet wurde, in welcher stetig weitergetüftelt wird.
Der Rest des Raums ist gefüllt mit allerlei Dingen, seien das hängende Geflechte aus alten Fischernetzen, zusammengezimmerte Sitzbänke, eine kleine Bühne oder eine Halfpipe: alles zum Anfassen, fast alles zum Benutzen, einiges zum Bewegen. Insofern ist das Ganze höchst partizipativ, allerdings weder so, dass die Menschen das Werk durch ihr Handeln erst vollenden, noch so, dass das Werk ihnen ein völlig neues Handeln ermöglicht. Verblüffend ist vielmehr, dass man einerseits quasi eingeladen wird, den Raum wie einen beliebigen öffentlichen Raum zu nutzen - etwa einen Spielplatz oder einen Park. Dass man aber andererseits gleichzeitig von Dingen umgeben ist und mit Dingen interagiert, die überhaupt nicht so aussehen, wie die Objekte auf öffentlichen Plätzen. Sie sind auffällig bunt bemalt, sehr frei geformt und collagenartig aus sehr unterschiedlichen Sachen zusammengesetzt. Etwa aus Spanplatten, Topfpflanzen, Gebrauchsgegenständen oder Früchten. Man ist also ständig auf der Kippe zwischen einem Blick, welcher die Dinge als ästhetische Objekte betrachtet, und einem Verhalten, bei dem das Handeln überhandnimmt und die Augen die Gegenstände ausschliesslich als Handlungsangebote - als Nahrung, Möbel etc. - wahrnehmen.
Wenn man also sagt, dass wir mit dem, was wir effektiv tun, bestimmen, in welcher Wirklichkeit wir leben, weil wir damit unsere Überzeugung, worum es sich bei unserer Umwelt handelt, faktisch ausleben, dann erfahren wir bei Cruzvillegas sehr viel darüber, wie wir soziale Realität herstellen: nämlich nicht unbedingt deshalb, weil wir darauf konditioniert sind, sie in erster Linie als Waren zu sehen. Sondern durch freie und situationsabhängige Wahlentscheidungen, mit einem Gegenstand etwas zu tun, was dieser Gegenstand eben zu tun erlaubt. Dass auch hierbei nicht unbedingt eine ideologische Brille gefragt ist, die vorselektiert, was überhaupt gesehen werden kann und was nicht, zeigt sich an der profunden Einfachheit der Handlungsangebote, die in der Ausstellung zu finden sind: Sitzgelegenheiten, eine Bühne, eine rudimentäre Halfpipe. All diese Dinge adressieren Bedürfnisse, die um einiges älter sind als die Moderne, der Kapitalismus oder die menschliche Zivilisation: zu ruhen, sich einer Gruppe mitzuteilen und - vielleicht am wichtigsten - zu spielen. Um die Objekte der Ausstellung spielerisch nutzen zu können, braucht es natürlich eine gewisse Verdrängung der möglichen anderen Charakteristiken dieser Objekte. Aber es handelt sich dabei nicht um eine Verdrängung, bei der eine Vielheit von Betrachtungsweisen auf eine uniforme, warenförmige Sicht reduziert wird, sondern exakt um das Gegenteil: um eine Verdrängung, welche die Fantasie befreit - die Fantasie, die jegliches Spielen voraussetzt, welches nicht auf den Gebrauch eines Spielzeugs beschränkt ist. Vielleicht gelingt es der Ausstellung ja sogar, ihren Besuchern jene fatale Brille abzunehmen, mit der sie viel zu oft durch die Museen spazieren: die Vorstellung, dass das, was ausgestellt ist, weil es ausgestellt ist, Kunst sein muss.

Bis 
25.03.2018

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