Cally Spooner - In der Falle der Selbstoptimierung

Drag Drag Solo, Centre d'art contemporain Genève (Ausstellungsansicht: 4. Stock: ‹Offshore›, vorbereitet seit 2017, offizieller Beginn angekündigt auf Herbst 2018). Foto: Mathilda Olmi

Drag Drag Solo, Centre d'art contemporain Genève (Ausstellungsansicht: 3. Stock: ‹On False Tears (and Outsourcing)›, laufend seit 2015). Foto: Mathilda Olmi

Fokus

Cally Spooner - In der Falle der Selbstoptimierung

Cally Spooner vermittelt zuallererst entwaffnende Einblicke in den überfrachteten Geist von Schriftsteller/innen, die - getrieben vom Wunsch zur perfekten Form und zugleich der Angst davor - mit Grossprojekten kämpfen. Auf den drei Stockwerken des Centre d'art contemporain Genève im Bâtiment d'art contemporain werden unterschiedliche Werkstadien deutlich: Das unterste ist einer zwar beendeten, aber nicht vollendeten Arbeit gewidmet, das mittlere einem laufenden und das oberste einem geplanten Projekt. Sie alle erzählen vom Aufschieben, für das es in dem auf Profit angelegten Literatur-, Radio- und Filmbetrieb jedoch kein Pardon gibt, als essentiellem Moment der Verdichtung. Im Gegensatz zu einsam vor sich hin leidenden Autor/innen lebt Spooner diesen Hang schwungvoll und mit Erfolg aus. Wie sie Cecilia Alemani anlässlich der Biennale des Images en Mouvement erzählte, schätzt sie das Schreiben, bis sie nicht mehr alleine sein möchte und nicht mehr weiterkommt. «Dann rufe ich Leute an und beginne zu repetieren. Die Repetitionen werden dann zu Produktionen; diese zu verwalten er- schöpft mich, weil sich das Projekt dabei verfestigt. Ich höre dann mit der Produktion auf - in der Regel, indem ich diese filme.»
In ihrer transdisziplinären Arbeitsform verbindet Spooner, die Tanz und Philosophie studiert hat und als Music Clip-Produzentin tätig ist, Persönliches mit Konzeptuellem. Anders als Wolfgang Hildesheimer, der kapitulierend beklagte, dass die Welt zu komplex geworden sei, um sie zu beschreiben, hat Spooner eher die Intuition, dass die Synthese zwischen zwei Buchdeckeln nicht mehr gelingen kann, auch wenn avantgardistische Textgattungen herangezogen werden: Montage verschiedenster Schriftfetzen und Sprechbrocken, Handlungsarmut, Zufall, Unfall und Offenheit. Spooner erfasst die Realität in einer analogen Ausdehnung in Raum und Zeit und gibt dabei den anderen delegierten Gesten und Stimmen wie auch der Technik bei der Aufnahme relativ viel Autonomie.

Das hochgerüstete Selbst
Demonstrativ bricht denn auch ein Bildschirm am Eingang mit der nach wie vor gängigen Feier von Individuuen, indem hier die Namen aller Beteiligten am Musical ‹You Were Wonderful, on Stage›, 2014-2016, endlos in einem Filmabspann durchrauschen. Im Werk, das 2014 - noch unfertig - vom Stedelijk Museum angekauft wurde und Spooner 2015 dann in Form einer 45-minütigen Sequenz mit sechs rotierenden Kameras hinter sich liess, zeigen sich viele Schnitzer. Nicht nur fiel eine Kamera aus, womit eine der sechs Projektionswände eingespart werden konnte, verloren gingen auch Szenen und Regieanweisungen wie «Cut to commercial, 5, 4, 3, 2, 1». Ganz zu schweigen von Unschärfen oder den zwischen den sonst neutralen Farben des Sets auftauchenden Blue- und Greenscreens, vor denen das rote Etuikleid und der Lippenstift der Haupt-Sängerin plötzlich schrill erscheint.
Drastisch wird so vor Augen geführt, was für Schlachten nötig sind, um die Performances der Stars ins richtige Licht zu rücken. Damit wären wir endlich beim Inhalt der Installation: Der Haupt-Sänger singt tatsächlich Social Media Posts über öffentliche Persönlichkeiten, die über Entlarvungen ihrer technischen Hilfsmittel gestolpert sind, bei Beyoncé war es ein Play Back am Inauguration Ball von Barack Obama, bei Lance Armstrongs ein Doping, das er ausgerechnet in der Talk Show von Oprah Winfrey gestand. Als Balletteinlage werden die vom Chorus gesungenen Empfehlungen aus den hin und wieder eingespielten Coachings umgesetzt, in denen man lernt, wie man Persönliches zu Gunsten von Unternehmen in die Kommunikation einflicht: «Making the values real», «Relevant assets in an organized way»...

Outgesourcte Tränen
In ‹On False Tears (and Outsourcing)›, seit 2015, findet Spooner für den omnipräsenten Gebrauch und Missbrauch von Empfindungen und Gefühlen ein Bild in Form einer mit Selbstbräunungspray rundherum gezogenen Linie ihres Metabolismus von 2014-2016, der in Verbindung gesetzt wird zum Wert ihrer Werke auf artnet.com, beziehungsweise dem Wechselkurs zwischen Pfund und Euro in dieser Zeit. In Klang-, Video- und Textinstallationen geht es hier überall um Selbstoptimierung zum Ziel der Wettbewerbsfähigkeit. Der Werkbeschrieb im ersten Raum, in dem sonst nur romantische Klaviermusik aus einem automatischen Schlafmanager zum Einschlafen perlt, verweist zur Erklärung des Titels auf die falsche Träne, die der Geliebte der zunehmend in Schwierigkeiten steckenden Madame Bovary von seinem Wasserglas auf seinen Abschiedsbrief fallen liess, was sie zur Verzweiflung brachte und in den Selbstmord trieb.

In der Höhle
Von jeglichem Schluss ist das auf der letzten Etage gezeigte ‹Offshore›, seit 2018, dagegen noch weit weg. Es handelt sich um die auf den Herbst angesetzte Gründung der Tanzkompanie Offshore, die sich kritisch mit der Performativität auseinander setzen will - also mit dem Konzept, dass man nichts ist und nichts hat, ausser dem, was man tut. Natürlich liegt darin das Versprechen, sich jederzeit neu erfinden zu können. Aber mit der so bedingten Entfernung von jeder philosophischen Selbsterkenntnis besteht auch die Gefahr, dass sich jede Auseinandersetzung mit einem politischen, ökonomischen und sozialen System verflüchtigt, während wir nur noch unser eigenes Selbstbild perfektionieren.
Das ziemlich ikonoklastische Werk Spooners nötigt einem einiges ab. Wie bei einem Verhaltensforscher gilt es auf Feinheiten der in Bild und Klang aufscheinenden Menschen zu achten und mit Hilfe weiterer Recherche den tieferen Sinn oder Unsinn zu erkennen. Das Höhlengleichnis von Plato kommt einem in den Sinn. Aber es erscheint in Spooners Werk nicht, um die materielle gegenüber der geistigen Realität zu sehen, sondern um die technische gegenüber der körperlichen, sensiblen und emotionalen. Diese ist vielleicht nicht erst seit der Zeit von Madame Bovary, die ihr Verhältnis beeindruckt durch billige Romane beginnt, mehr einem Schein verpflichtet, statt einem Sein gehorchend. Liegt im echten Durchbruch zu unserem limbischen Nervensystem die letzte Hoffnung für das Lebendige?
Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, lebt in Gland. kholderegger@hotmail.com

Cally Spooner (*1983, Aston/GB) lebt in London
Ausbildung in Tanz und politischer und sozialer Philosophie, tätig u.a. als Music Clip-Produzentin
2016-2018 Writer in Residence, Whitechapel Gallery, London

Einzelausstellungen
2018-2019 ‹Drag Drag Solo›, Centre d'art contemporain, Genf; Swiss Institute, New York; Museo Madre,
Neapel

2016 ‹He wins every time, on time and under budget›, gb agency, Paris; ‹On False Tears and Outsour-
cing›, New Museum, New York; ‹Bookclub 2.0, Zero, Mailand, ‹And You Were Wonderful, On Stage›,
Stedelijk Museum, Amsterdam

2015 ‹On False Tears and Outsourcing›, De Vleeshal, Middleburg, ‹The Anti-Climax Climax›, Bielefelder
Kunstverein, Bielefeld; ‹About a Work #2›, Zero Gallery, Mailand; ‹Post Production›, Spike Island, Bristol

2014 ‹The Overall OOOOH›, Kunstverein Langenhagen, Hannover; ‹Regardless, It's Still Her Voice›, gb
agency, Paris

2013 ‹Seven Thirty Till Eight›, Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen; ‹Carol, I Think My Place In History
Is Assured›, Motinternational, Brüssel

2012 ‹Collapsing in Parts›, International Project Space, Birmingham, ‹Solo Presentation‹, Artissima Art
Fair, Turin, ‹Seven Thirty Till Nine›, Shanaynay, Paris

2011 ‹It's 1957, and the press release still isn't written›, Hermes und der Pfau, Hamburg

2010 ‹At Five to Ten›, Neue Alte Bruecke, Frankfurt

Bis 
18.03.2018

Katalog in Vorbereitung (in Kooperation mit Vleeshal Markt, Middelburg, und Museo Madre, Neapel)

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