Converter - Stadtansichten

Gabriel Kuri · Attempt 1 to arrest the flow from event A to event B, 2018, Installationsansicht Kunst­museum St. Gallen, Courtesy Esther Schipper, Berlin. Foto: Sebastian Stadler

Gabriel Kuri · Attempt 1 to arrest the flow from event A to event B, 2018, Installationsansicht Kunst­museum St. Gallen, Courtesy Esther Schipper, Berlin. Foto: Sebastian Stadler

Besprechung

‹Converter› vereint die Arbeiten dreier Künstlerinnen und dreier Künstler im Kunstmuseum St. Gallen. So verschieden ihre Bildsprache ist, so pointiert sind die Werke gesetzt und so schlüssig sind sie in ihrem gemeinsamen Kommentar zu den aktuellen Einflüssen auf die Gestalt der Stadt.

Converter - Stadtansichten

Parkourläuferinnen und -läufer, Traceurs genannt, schreiben neue Zeichen in den urbanen Raum. Untersuchten die Situationisten noch die Psychogeografie der Stadt und damit die manipulative Wirkung des gestalteten Raums auf das menschliche Verhalten, interpretiert Parkour die infrastrukturellen Vorgaben ­aktiv um. Stadtmöbel, Brüstungen, Kanten werden als Bewegungsangebote gelesen, werden elegant, effizient und kreativ umgedeutet. Parkour ist eine Haltung, Parkour sieht die Stadt neu. In diesem Sinn ist ‹Converter› Parkour. Die erste Transformation findet statt, indem die Künstlerinnen und Künstler den Stadtraum in das Kunstmuseum St. Gallen bringen. Nicht in einem metaphorischen Sinn, sondern real, radikal: Gabriel Kuri (*1970, Mexiko-Stadt) zeichnet mit einem verrenkten Stahlrohr von
Boden zu Wand und zurück wechselnd eine Linie, unterbrochen wird sie von Kekspackungen, Banknoten und Steinbrocken, wie sie in Stadtzentren als Barriere gegen Terrorangriffe genutzt werden. Kommerz, Abfall, Reglemente und deren Potenzial zur Übertretung sind hier miteinander verflochten. Daneben besitzt die heterogene, präzise gesetzte Installation skulpturale Qualitäten.
Nina Beier (*1975, Aarhus) platziert mehrere grosse Asphaltstücke auf dem Parkett im Oberlichtsaal. Auf jedem Brocken liegen zerteilte Schokoriegel - die im Stras­senbau verarbeiteten Bodenschätze sind die Basis für den angeschnittenen Mars, die halbierte Milchstrasse: Kosmos und Konsum sind eins geworden. Während Beier mit Produkten arbeitet, konzentriert sich Raphael Hefti (*1978, Biel) auf die Bau­stoffe. Stahlbarren hat er über fünf Jahre hinweg wechselnden Temperaturen ausgesetzt und damit langwierige Alterungsprozesse simuliert. Über die schrundigen Balken hinweg bläst es aus einer vergitterten Tür wie aus einem U-Bahn-Schacht. Der Gegensatz zwischen der brutalen Zweckform der Stadt und dem klassizistischen Ausstellungssaal könnte kaum grösser sein. Die ausgestellten Arbeiten eignen sich die Museumsräume an, sie interagieren, sie kontrastieren zur Architektur. Dass dies perfekt gelingt, liegt nicht nur an der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler, sondern daran, dass fast alle von ihnen die Werke eigens für die jeweiligen Räume realisiert haben. Überdies bleiben sie nicht in der formalen Auseinandersetzung stecken, sondern beziehen Stellung zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen, undogmatisch, aber bestimmt.

Bis 
06.05.2018
Autor/innen
Kristin Schmidt

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