Georg Baselitz - Selbstironisch und abgeklärt

Georg Baselitz · Avignon ade, 2017, Öl auf Leinwand, 480 x 300 cm. Foto : Jochen Littkemann

Georg Baselitz · Avignon ade, 2017, Öl auf Leinwand, 480 x 300 cm. Foto : Jochen Littkemann

Besprechung

Georg Baselitz zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern. Anlässlich seines 80. Geburtstags würdigen ihn sowohl die Fondation Beyeler in Riehen wie auch das Kunst­museum Basel mit einer grossen Retrospektive. Die Rollen der beiden Häuser sind dabei sehr ungleich verteilt.

Georg Baselitz - Selbstironisch und abgeklärt

Das Kunstmuseum Basel war für Georg Baselitz (*1938) ein wichtiger Markstein in seiner Karriere. Der heute international gefeierte Künstler hatte dort 1970 seine erste Einzelausstellung in einem Museum. Zum 80. Geburtstag des deutschen Malers, Bildhauers und Zeichners richten sowohl das Kunstmuseum Basel als auch die Fondation Beyeler je eine grosse Retrospektive ein. Während Beyeler bekannte Gemälde und Holzskulpture präsentiert, zeigt das Kunstmuseum eine stillere Schau mit Arbeiten auf Papier. Ungünstig an dieser Aufteilung ist nicht nur, dass die beiden Ausstellungen unterschiedlich attraktiv fürs breite Publikum sind. Schade ist auch, dass sich keine direkten Vergleiche zwischen Malerei und Zeichnung anstellen lassen. Dabei lohnt dieser Vergleich, hat Baselitz in seinen Zeichnungen doch manches ausprobiert und vorweggenommen, was in seiner Malerei zum Markenzeichen wurde. So setzt er in den Zeichnungen nicht nur energische und aggressive Linien ein, die der Expressivität seiner Bilder entsprechen. Auch gestalterische Eigenheiten wie die Frakturierung von Motiven werden im handlicheren Rahmen der Arbeit auf Papier ausprobiert und weiterentwickelt. Die Umkehrung der Motive, seit den Siebzigerjahren das Markenzeichen des Künstlers, findet sich in den Zeichnungen bereits 1968 in ‹Das Kreuz›.
Die Umkehrung war für Baselitz der lange gesuchte dritte Weg zwischen Figuration und Abstraktion. Der Künstler konnte so den Raum des Abbildenden verlassen, ohne ihn ganz aufzugeben. Auch liessen sich durch die Umkehrung des Bildes dem Motiv innewohnende Aussagen auf den Kopf stellen. Das wohl berühmteste Beispiel ist ‹Fingermalerei - Adler› von 1972. Das direkt mit den Händen auf die Leinwand gemalte Bild zeigt einen Adler, der als imposantes Wappentier Macht und Stärke symbolisiert. Bei Baselitz befindet er sich im rasenden Sturz, kopfvoran. Die in den Ausstellungen vereinten Arbeiten zeigen anschaulich, wie Baselitz sich vom jungen Künstler, der mit expressiven bis aggressiven Bildern wie ‹Die grosse Nacht im Eimer›, 1963, für Skandale sorgte, zum arrivierten Kunststar entwickelte, der seine Themen und Techniken kontinuierlich weiterentwickelte. Und der auch in seinem Alterswerk noch frech und frisch wirkt. Die jüngsten Gemälde der Ausstellung bei Beyeler zeigen nackte Männer, klapprig und kopfüber in gespenstischem Neongelb und -grün. ‹Bis auf weiteres abwärts› heisst eines dieser Bilder, selbstironisch und abgeklärt.

Bis 
29.04.2018
Künstler/innen
Georg Baselitz
Autor/innen
Alice Henkes

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