Löwendenkmal - Ein paar MinutenVerweildauer...

Löwendenkmal Luzern von Bertel Thorvaldsen, enthüllt 10.8.1821 - 29 Jahre nach dem Tuileriensturm

Fokus

Wenn man Latein könnte, käme man dem Denkmalgedanken schon etwas näher. «Helvetiorum fidei ac virtuti» - gewidmet der Treue und Tapferkeit der Schweizer, genauer: der Söldner, die 1792 die französische Monarchie und einen bereits leeren Palast gegen aufständisches Volk verteidigten.

Löwendenkmal - Ein paar MinutenVerweildauer...

Der Stifter, der selbst zur Truppe gehörte, aber im Urlaub war und darum überlebte, wollte mit dem 1821 eingeweihten Monument der gefallenen Kameraden gedenken. Zugleich sollte das Werk in Zeiten der Restauration ein Mahnmal sein, das konservative Haltungen anmahnte.
Das Löwendenkmal kann unter verschiedenen Fragestellungen betrachtet und studiert werden. Kunsthistorisch mit der Frage, was dazu geführt hat, dass diese Skulptur und ihre Anlage («a nice little area») nicht nur zu einer allgemein akzeptierten, sondern zu einer geradezu bewunderten Ikone wurde. Historisch gesehen ist interessant, wie ein ursprünglich politisch intendiertes Signal zu einem sinnentleerten Objekt des Massentourismus werden konnte. Man würde es der Kunst und dem Künstler, dem ­Dänen Bertel Thorvaldsen, gerne gönnen, dass die enorme Attraktivität ihr und ihm zu verdanken sei. Wenn dem so wäre, müsste das wie bei der New Yorker Freiheitsstatue eine bestimmte Ästhetik, eine leicht eingängige, die Gefühle ansprechende, also ­pathetische Anschaulichkeit sein. Die meisten Denkmäler genügen den gängigen ästhetischen Ansprüchen nicht. Der richtige Ort ist die halbe Sache. In diesem Fall lag er im Privatpark des Stifters und wurde erst später zu öffentlichem Grund. Das Denkmal war wegen seiner kolossalen Dimension ein begehrtes Reiseziel und wurde als solches schon früh, mit Zeugnissen bereits aus dem Einweihungsjahr, gepriesen und später auch im Baedecker-Reiseführer von 1844 empfohlen. Jeder Hinweis führte zu weiteren Besucherinnen und Besuchern, die ihrerseits Empfehlungen verbreiteten. Vom lahmliegenden Löwen ging eine sich selbst verstärkende Eigendynamik aus. Im Moment der Einweihung war das Denkmal noch Attentatsplänen radikaler Studenten ausgesetzt, schon 1870 feierten dann patriotische Vereine vor dem bengalisch beleuchteten Monument. Kein Wunder, dass bald Souvenirartikel angeboten wurden, die das Aneignungsbedürfnis stillen.
Denkmal, Mahnmal, Objekt, Skulptur, Ikone - was ist er nun, der Löwe von Luzern? Im Internet wird er auch als Wahrzeichen angepriesen. Und in der Literatur wird er mal als Allegorie, mal als Symbol bezeichnet. Seit Erscheinen der Schriftenreihe ‹Les lieux de mémoire› von Pierre Nora möchte man ihn auch als Erinnerungsort einstufen.
Georg Kreist ist Prof. em. für Geschichte an der Universität Basel

‹Mit Denkmälern sprechen? Monumente: vergessen und aktuell›, zweitägiges Symposium zur Frage, wie aktuell die Idee des Denkmals heute noch ist und wie sich zeitgenössische Künstler/innen darauf beziehen. Organisiert von der Hochschule Luzern - Design & Kunst und dem Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst zusammen mit Brita Polzer

Autor/innen
Georg Kreis

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