Rückseiten - Warhols Wahlheimat

Kunstbulletin, April 2017, Installationsansicht Museum im Bellpark Kriens, 2018

Fokus

Es ist ein Zufall und ist doch keiner. Ein seit längerer Zeit gärendes Ausstellungsprojekt mit den seit Jahrzehnten auf den Rückseiten von Kunstbulletin und Artforum erscheinenden Anzeigen der Galerie Bruno Bischofberger im Museum im Bellpark fällt ins Jubiläumsjahr des Kunstbulletins.

Rückseiten - Warhols Wahlheimat

Seit einiger Zeit schon unterhalte ich mich mit Peter Fischli engagiert über die Anzeigen, welche die Galerie Bruno Bischofberger seit rund dreissig Jahren auf den Rückseiten von Kunstbulletin und Artforum schaltet. Als bekennende Fans dieser aussergewöhnlichen Bildspur stellten wir fest, dass wir beide die Lektüre des jeweils neuen Heftes von der Rückseite her beginnen. Dies ist nicht als eine Wertung zu deuten, sondern bietet eine willkommene Ablenkung, eine kleine Irritation, der wir uns vor der Lektüre des Hefts gerne aussetzen.
Die aufmerksamen Leserinnen und Leser wissen es: In den Anzeigen kombiniert die Galerie Informationen über das aktuelle Programm mit Bildern aus dem Schweizer Brauchtum und dem ländlich-bäuerlichen Alltag. So wird beispielsweise Andy Warhol, einer der renommiertesten Künstler der Galerie, mit den Silvesterchläusen in einen überraschenden Bezug gesetzt. Gerade diese Kontrastmontage macht den besonderen Reiz der Anzeigenserie aus und hat zu ihrer hohen Wiedererkennbarkeit beigetragen. Ab Mitte April präsentiert nun das Museum im Bellpark in einer von Peter Fischli co-kuratierten Ausstellung die schönsten Rückseiten von Kunstbulletin und Artforum. Diesmal sollte alles ganz einfach sein. Der Bestand ist gegeben, die Magazine sind verfügbar, es wird ausgewählt und flugs entsteht daraus die Ausstellung. Mit dem Fortschritt der Arbeiten offenbarte sich uns jedoch die wohltuende Komplexität des Vorhabens: Was bedeutet es, wenn Anzeigen des Kunstmarktes museal aufbereitet werden? Werden die Hefte dann zum Ready-made? Ist der Transfer des Programms eines idyllischen Schweizer Brauchtums in den Kontext der zeitgenössischen Kunst eine Appropriation? Ist dann die Transformation der Anzeigen in eine Ausstellung eine Art Gegenappropriation? Und ist die übergeordnete Klammer dieser Hinwendung zur Volkskultur im «Primitivismus» zu finden, welcher seit der aufkommenden Moderne als Strömung die Kunst äusserst produktiv unterläuft?
Es scheint bezeichnend, dass diese Fragen am Museum im Bellpark gestellt werden. An einer Institution also, die sich als «zeitgenössisches Heimatmuseum» zwischen Bedeutungsfeldern und Gattungen bewegt und in verschiedenen Projekten Materialien aus Brauchtum und zeitgenössischer Kunst, aus Fotografie und Lokalgeschichte zusammenbringt, um aus diesen Transfers neue Inhalte zu erarbeiten.
Hilar Stadler ist Kurator am Museum im Bellpark Kriens und Leiter der Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern. hilar.stadler@bellpark.ch

Publikation im Verlag der Buchhandlungen Walther König; Gespräch mit Peter Fischli, Bärbel Küster u.a., Infos

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