Sofia Hultén - Here's the Answer, What's the Question?

Sofia Hultén · Nonsequences I, 2013-14, Einkanalvideo, 5'41'' © ProLitteris, Courtesy Daniel Marzona, Berlin, Galerie Nordenhake Stockholm

Sofia Hultén · Nonsequences I, 2013-14, Einkanalvideo, 5'41'' © ProLitteris, Courtesy Daniel Marzona, Berlin, Galerie Nordenhake Stockholm

Sofia Hultén · Mutual Annihilation, 2008, Vierkanalvideo, 85'22'', Kommode, 95 x 73 x 50 cm
© ProLitteris, Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

Sofia Hultén · Mutual Annihilation, 2008, Vierkanalvideo, 85'22'', Kommode, 95 x 73 x 50 cm
© ProLitteris, Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

Besprechung

Intelligenztests erfassen den IQ u.a. durch das richtige Anordnen von Bildern in einer Bildergeschichte. Anfangs fällt dies meist leicht, wird aber oft je länger, je schwieriger. Solches Vermögen wird auch gebraucht, wenn Sofia Hultén in Video, Plastik und Installation die Handlungslogiken des Alltags auf den Kopf stellt.

Sofia Hultén - Here's the Answer, What's the Question?

Das Museum Tinguely widmet der in Birmingham aufgewachsenen und in Berlin lebenden schwedischen Künstlerin Sofia Hultén (*1972, Stockholm) eine grosse Einzelausstellung. Der Fokus liegt auf Arbeiten der letzten zehn Jahre. Eine Plastik wird von allen übersehen: Ein alter orangefarbener Container steht draussen an der Ecke des Museums, dort, wo bei Ausstellungsumbauten oft ein Container steht. Doch dieser hier ist untauglich. Seine Aussenwände sind nach innen gekehrt, weshalb sich der Deckel nicht mehr richtig öffnen lässt. Das funktionale Objekt wurde durch einen regelgeleiteten Eingriff zum (dysfunktionalen) Kunstwerk. Oftmals sind es solch kleine Regeländerungen, die zu grossen, bisweilen vergnüglich absurden Ergebnissen führen. Bevor Hultén in ihrem Atelier beispielsweise einen Apfel isst, reibt sie ihn meist an ihrer Hose ab. Fällt er aus Versehen in eine am Boden stehende Staubkiste, so wandert er anschliessend in den Plastiksack. Diese Handlungskette lässt sich künstlerisch variieren, sofern man wie Hultén gewillt ist, einen verschmutzten oder im Plastiksack befindlichen Apfel zu verzehren.
Dinge, insbesondere gebrauchte Fundstücke, erzählen Geschichten beziehungsweise fordern unser Alltagswissen über vorangegangene Ereignisse heraus. Ein Film zeigt der ­Reihe nach jeweils vier Sekunden aus dem Leben eines Gegenstands, der aus einem gefunden Werkzeugkasten stammt. Eine Hommage an die Zeit, das Handwerk sowie die Materialität und Funktion von Dingen. Wann wird etwas zum Gegenstand und wann ist etwas ein unbenennbarer Zwischenzustand auf dem Weg zum oder vom funktionalen Objekt - Begrifflichkeiten versagen.
Hulténs Werke bergen oftmals eine Geste der Verschwendung, die sich erschliesst, wenn man den Entstehungsprozess verfolgt. Eine grüne, ramponierte Kommode entpuppt sich beim Betrachten von vier Videos als Original und Imitat zugleich. Denn das Fundstück wurde zunächst von der Künstlerin restauriert, um anschliessend mit verschiedenen Eingriffen wieder in einen dem Ursprungszustand ähnlichen Zustand zurückversetzt zu werden. In dieser Form lässt sie künstlerische Arbeit gleichzeitig als wertvoll und aufwendig sowie als absurd und unangemessen erfahrbar werden. Viele Werke enthalten Paradoxien. Dies macht sie als Irritationen unserer Denk-, Seh- und Urteilsgewohnheiten besonders reizvoll. Vor allem für Liebhaber/innen von mehrschichtigen Problemlösungsaufgaben und Rätseln.

Bis 
01.05.2018
Künstler/innen
Sofia Hultén
Autor/innen
Yvonne Ziegler

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