Stéphane Dafflon - Was geometrische Formen erzählen

Stéphane Dafflon · U+25A6, 2018, Ausstellungsansicht Le Plateau, Frac Île-de-France. Foto: Martin Argyroglo

Stéphane Dafflon · U+25A6, 2018, Ausstellungsansicht Le Plateau, Frac Île-de-France. Foto: Martin Argyroglo

Besprechung

«Roche», denkt man am Eingang des Kunstzentrums Le Plateau – doch etwas stimmt nicht. Das Parallelogramm aus Holz erinnert zwar an das Logo des Schweizer Pharmaunternehmens, doch um 90 Grad gekippt. Wie wirkt sich Geometrie auf Wahrnehmung aus? Mit dieser Frage spielt Stéphane Dafflon, raumgreifend.

Stéphane Dafflon - Was geometrische Formen erzählen

Stéphane Dafflon (*1972, Neyruz) hat die Räume des Plateau, Sitz der regionalen Kunstsammlung Frac Île-de-France, zu einer Bühne umgebaut, auf der er seine geometrischen Formen optimal inszenieren kann. Oder sind es die von ihm geschaffenen Formen, die den Raum erst in Szene setzen? In seiner ersten institutionellen Einzelschau in Frankreich gibt es schmale rechteckige Mauerdurchblicke, die das Gerahmte perspektivisch verändern, einen Schlitz in der Wand, der aus einem unzugänglichen Raum farbig wechselndes Licht hervorscheinen lässt. Dann eine ­Serie von Rautenformen, die optisch hin und her klappen, oder ein im Raum stehendes Dreieck, das auf seiner blankpolierten Chromoberfläche das flackernde Neonlicht spiegelt, das selbst einen Raumabschnitt definiert. Dahinter blickt man aus den gros­sen Fenstern auf das Stadtviertel Belleville, nimmt plötzlich Farben und geometrische Formen deutlicher wahr - Dafflon hat die Wahrnehmung geschärft.
Der Rundgang, der an einer aus Farbverläufen tapezierten Wand vorbeiführt, vermittelt einen optischen Rhythmus. Viele der am Computer zusammengestellten und auf selbstklebendem Vinyl ausgedruckten Formen wirken wie narrative Versatzstücke: vom gekippten «Roche»-Logo über farbige Dreieckskonstellationen wie Landschaftsbilder bis hin zu vieleckigen Objekten, die wie leere Rahmen an der Wand lehnen. «Es ist möglich», antwortet Dafflon auf die Frage, ob der letzte Raum absichtlich an einen Rittersaal mit Wappen erinnert, und ergänzt verschmitzt, «aber ich möchte das nicht bestätigen.» Dem Neuabstrakten, der seit der grossen Ausstellung Westschweizer geometrischer Malerei im Espace de l'Art Concret in Mouans-Sartoux 2008 mit Kollegen wie Francis Baudevin oder Philippe Decrauzat als «abstraction étendue» gehandelt wird, geht es um Vieldeutigkeit: «Die geometrischen Formen wirken wie Volumen, zugleich können benachbarte Farbfelder wie Bänder gelesen werden, die sich über mehrere Leinwände fortsetzen.» Polysemie und Unmittelbarkeit verleihen dem Werk Eigenständigkeit und Aktualität. Erinnert der nur optisch durch den Schlitz zugängliche Raum, der sich mit Lichtfarbe füllt, an Lucio Fontanas begehbares ‹Ambiente Spaziale› von 1949, ist er hier Unterbrechung einer Raumkomposition: «Ich habe Farben und Leinwandabfolgen vor Ort entschieden, in einem langsamen, subjektiven Prozess», sagt Dafflon, während die Dreiecke hinter ihm von diesem langen ruhigen Weg durch Wahrnehmungsräume erzählen.

Bis 
15.04.2018
Künstler/innen
Stéphane Dafflon
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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