Stumble and Choose - Das Unkalkulierbare der Sprache

Charlotte Seidel · Nothing Ever Happened, 2018, Ausstellungsansicht Médiathèque du FMAC, Genf. Foto: Thomas Maisonnasse

Charlotte Seidel · Nothing Ever Happened, 2018, Ausstellungsansicht Médiathèque du FMAC, Genf. Foto: Thomas Maisonnasse

Richard Serra und Voluspa Jarpa · Stumble and Choose, 2018, Ausstellungsansicht Médiathèque du FMAC, Genf. Foto: Thomas Maisonnasse

Richard Serra und Voluspa Jarpa · Stumble and Choose, 2018, Ausstellungsansicht Médiathèque du FMAC, Genf. Foto: Thomas Maisonnasse

Besprechung

Die Ausstellung in der Mediatheke des FMAC in Genf spannt diese Saison mit den Videos sechs Kunstschaffender einen weiten Bogen auf. Sie lassen die Bandbreite von Sprechen und Schreiben zwischen unbeabsichtigter Offenbarung und unmöglicher Verständigung deutlich werden.

Stumble and Choose - Das Unkalkulierbare der Sprache

Die selbstschliessende Türe, welche die hinter dem Bâtiment d'art contemporain durchführende enge Rue des Bains vom ersten Ausstellungssaal der Médiathèque du Fonds municipal d'art contemporain trennt, fällt krachend wieder ins Schloss. Der Blick richtet sich auf das an die gegenüberliegende Wand projizierte ­Video, das jedoch zunächst nichts anderes als das medieneigene Flirren und Rauschen vorführt. Bis zum Moment, bei dem zwei randvolle Glaskelche erscheinen, die über die Flüssigkeit miteinander verbunden sind. Plötzlich löst sich jedoch dieser gemeinsame Tropfen und fällt auf das Tischtuch. Jeder der Kelche, die schon über Begriffe wie Fuss, Bauch und Lippe auch Symbol für den Menschen sind, steht nun separat da.
Mit dem fast stillen und stummen Video von Charlotte Seidel, ‹Nothing ever happened›, 2014, leiten Bénédicte Le Pimpec und Isaline Vuille die 6. der 10 Ausstellungen ­ihres zweijährigen Kuratoriums der bedeutenden Videosammlung des FMAC ein. Ausgehend vom Konzept des Lettristen Isidor Isou beschäftigen sie sich in der Schau ‹Slightly Slipping on a Banana Skin› mit den Mitteln und dem Zweck vornehmlich in der vielschichtigen, zeitgebundenen Videokunst. Diese Saison umkreisen sie dabei das schon jedem sprachlichen Akt implizite Problem, welches zugleich eine Lektüre suggeriert.
‹Boomerang›, 1974, von Richard Serra, zeigt eine Moderatorin, die zunehmend aus­ser Gefecht gerecht, da ihr durch das Zuspielen ihres Gesprochenen über Kopfhörer erst richtig bewusst wird, wie sehr ein Gedanke zu artikulieren, Momente des Zögerns und Irrens beinhaltet. Tony Morgan wiederum führt in ‹Lush›, 1973, die Körpersprache als Ort der Dekonstruktion/Konstruktion vor, in dem er Augenwimpern wie Insektenfühler verlängert, während Jochen Gerz und Sarkis Zabunyan in ‹Parler›, 1972, in ihrer jeweiligen Muttersprache nur aneinander vorbeireden. Wie sich hingegen der Sinn mancher Worte und Texte erst verdeutlicht, wenn er für andere übersetzt, in einen anderen Kontext übertragen oder von anderen erlernt wird, bezeugen zwei neuere Videoinstallationen: Eindrücklich konfrontiert Gabriela Löffel in ‹Embedded Language›, 2013, einen englisch sprechenden Waffenhändler mit einem ihn auf Französisch synchronisierenden Schauspieler und repräsentiert Voluspa Jarpa in ‹Translation Lessons›, 2016, ihr allmähliches Erlernen der englischen Sprache bei der Entzifferung der deklassierten CIA-Akten 1947-1994 über ihr Heimatland Chile

Bis 
14.04.2018

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