Anne Collier — What I’m saying

Anne Collier · Woman Crying #1, aus der Serie Women Crying, 2016, Courtesy Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute/Toby Webster Ltd., Glasgow

Anne Collier · Woman Crying #1, aus der Serie Women Crying, 2016, Courtesy Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute/Toby Webster Ltd., Glasgow

Besprechung

Wer spricht? Wer definiert, was wir sehen und was nicht? Anne Collier arbeitet mit Bildern aus der Populärkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre und legt die machtvollen Klischees offen, die unsere Seh- und Lebensgewohnheiten prägen. Im Foto­museum ist jetzt ihre Schau ‹Photographic› zu sehen.

Anne Collier — What I’m saying

Winterthur — Eine Frau räkelt sich an einem Pool, der nackte Körper provokativ in Szene gesetzt, der laszive Blick in die Kamera gerichtet. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Ausschnitt aus einem Soft-Porno, sondern um eine Werbung aus den Siebzigerjahren des deutschen Objektivherstellers Rodenstock. Die Frau dient dem Fotografen als Requisite, einerseits um das Produkt den mehrheitlich männlichen Käufern schmackhaft zu machen, andererseits um die Fotografie als männliches Handwerk zu unterstreichen. Wie die Frau dargestellt und letztendlich auch rezipiert wird, unterliegt der männlichen Kontrolle. «Enhanced image and control of perspective … lenses made for photographers who know what they want and will not compromise», lautet der Werbetext der Anzeige und legt mit einem sexistischen Unterton die dominierenden Bild- und Machtpolitiken offen. Mit Abbildungen aus Werbung, Filmen und Zeitschriften hinterfragt die amerikanische Fotografin Anne Collier (*1970, Los Angeles) geschlechtsspezifische Repräsentationen, die sich bis heute in der Populärkultur halten: die Frau, ein schutzbedürftiges Objekt, ein emotionales Wesen, das Trost an der starken Schulter des Mannes findet. Indem Collier das gefundene Material mit einer Grossformatkamera abfotografiert und bestimmte Ausschnitte auswählt und vergrössert, entlarvt sie nicht nur die darin enthaltenen Klischees, sondern kontextualisiert das Gezeigte neu. In der Arbeit ‹Woman Crying (Comic) #4› hat Anne Collier das tränende Auge einer Frau aus einem Comic abfotografiert. Da im Close-up ein Grossteil des Gesichts verborgen bleibt, verändert sich, wie wir das Bild wahrnehmen: Die weibliche Träne wird nicht mehr zwangsläufig mit Schwäche oder Trauer assoziiert, sondern kann auch als Wut oder erotische Erregung gelesen werden. In anderen Arbeiten wie ‹Tear (Comic) #1› hat Collier nur die Träne abfotografiert, die sich als vieldeutiger Tropfen auf der nackten Haut manifestiert. Um welche Flüssigkeit es sich dabei handelt, bleibt offen. So legt Anne Collier die klischierte Darstellung von Frauen offen und die Macht der Autorschaft, deren Stimme uns zu manipulieren vermag. Diesen Mechanismus veranschaulicht die Fotografin mit Titeln wie ‹Woman Crying› oder ‹Tear›, die beeinflussen, was wir sehen: eine weinende Frau, eine Träne. «You look at it in the context of what I’m saying», hätte der britische Kunstkritiker John Berger gesagt. Wie die Manipulation auf einer visuellen Ebene vonstattengeht, zeigt Collier, indem sie die Bilder reproduziert, de- und rekontextualisiert. 

Bis 
26.05.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Anne Collier 23.02.201926.05.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi

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