Das Grosse Rätsel - Abstauber im Dienst der Götter

Teotihuacán, Pirámide del Sol, Mexiko 27.4.2018. Foto: Samuel Herzog

Teotihuacán, Pirámide del Sol, Mexiko 27.4.2018. Foto: Samuel Herzog

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Das Grosse Rätsel - Abstauber im Dienst der Götter

Mit einer zähen Geduld stakst der Mann über die Flanken der Sonnenpyramide von Teotihuacán, die in der Mittagshitze flirren, als läge auf ihnen ein Schleier aus flüssigem Glas. Fleissig fegt er mit seinem Besen durch Ritzen, akkurat schabt er Winkel und Falten aus, elegant lässt er das Reisig über die Steine tänzeln. Sein Ziel ist es, junge Kräuter aus ihrer Verankerung zu wischen, ehe sie richtig Wurzeln schlagen, zu Sträuchern anwachsen, zu Büschen, zu Urwald. Es ist eine Arbeit mit nur sehr kurzfristigem Erfolg, denn während er sich langsam vorwärtsbewegt, deponiert der Wind hinter seinem Rücken schon wieder frische Samen voller Lebenslust. Dem Himmel gefallen nackte Mauern nun einmal nicht. Irritierender noch als die Sisyphusarbeit selbst ist die Körperhaltung, die der Abstauber im Dienst der Götter auf den mehr als 30 Grad steilen Abhängen zwangsläufig einnehmen muss. Als Element einer geometrischen Anlage, wie die Tänzer im ... von ... , steht der Pyramidenfeger tagein, tagaus in einem spitzen Winkel zu der steinernen Welt, die ihn umgibt. Tun ihm da nicht ständig die ­Füsse weh? Kann er nach Feierabend noch gerade nach Hause gehen? Kommt ihm seine Entourage nicht ziemlich schräg vor? Schon auf ebener Erde und trotz Schuhgrösse 45 weiss ich oft nicht, wo und wie ich stehe im Leben, in meinen Beziehungen, in der Arbeitswelt. Wie würde es mir wohl an seiner Stelle gehen? Käme mir alles vollends seltsam vor? Oder würde ich im Gegenteil besser verstehen, was für ein Wunder die aufrechte Haltung ist? 

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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Autor/innen
Samuel Herzog

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