Editorial — Zornige Vögel

Ida Applebroog · Specimens, 2018, Aquarell, Gips, Jute, Kupferdraht, Papier und Holz, diverse Masse, 56 Vögel, nach Vogelarten gruppiert (Ausschnitt), Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, Courtesy Hauser und Wirth. Foto: Dominique Uldry

Ida Applebroog · Specimens, 2018, Aquarell, Gips, Jute, Kupferdraht, Papier und Holz, diverse Masse, 56 Vögel, nach Vogelarten gruppiert (Ausschnitt), Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, Courtesy Hauser und Wirth. Foto: Dominique Uldry

Editorial

Editorial — Zornige Vögel

Da liegen sie, die Vögel, die Füsschen steif von sich gestreckt. Das ganze zwitschernde, flatternde, flaumige Leben ist aus ihnen gewichen. Und anders als andere Wesen, die noch im Tod den Anschein wecken, friedlich zu schlafen, sind ihre erstarrten Körper erbarmungslos gezeichnet. Die einen kehren uns die gefleckten Bäuche zu, bei anderen scheinen noch einzelne Federn aus der hart gewordenen Hülle hervorzustechen, alle sind säuberlich etikettiert, nummeriert, klassifiziert und sortiert: Wir lesen da beispielsweise: No. 002, Painted Bunting – Passerina ciris; oder: No. 001 Northern Flicker – Colaptes auratus; oder: No. 004 Spot-breasted Oriole – ­Icterus pectoralis. Glücklicherweise liegen keine echten Präparate vor uns. Vielmehr sind es etwas ungelenk geformte Nachbildungen aus Gips, Kupferdraht, Jute und Holz. Waren da Kinder am Werk? Nein, die Vögel wurden von der beinahe neunzigjährigen Ida Applebroog geschaffen. Sie ist amerikanische Jüdin und kennt sich – obwohl sie den Krieg als Jugendliche auf der anderen Seite des Ozeans miterlebt hat – mit dem Thema Tod offenbar aus. Wie sonst hätte sie ­diese Mischung aus existenzieller Erschütterung und Bürokratie so auf den Punkt bringen können? Liebevoll, beinahe zärtlich wurden ­diese ‹Angry Birds of America› von ihr geknetet und bemalt, um an all die zu mahnen, die der Machtpolitik Trumps – und seinesgleichen – zum Opfer fallen. Auch sie selbst hat in ihrem Leben viel erlitten. In einem Film antwortet sie ihrer Tochter auf die Frage, wieso sie an den Schicksalsschlägen nicht zerbrochen sei: «You have to accept them.» Welche lebensbejahende Kraft ­darin liegt, Tiefpunkte aufzuzeichnen und niederzuschreiben, führt uns ihre Ausstellung eindrücklich vor Augen.

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