Extraordinaire — oder das Konstrukt Wahnsinn

Josef H. (1876–?) · ohne Titel, 13.5.1923, Fahrrad, Bleistift und Kopierstift auf kariertem Papier, 15,1 x 26,9 cm, Sammlung Königsfelden, PDAG, Windisch

Josef H. (1876–?) · ohne Titel, 13.5.1923, Fahrrad, Bleistift und Kopierstift auf kariertem Papier, 15,1 x 26,9 cm, Sammlung Königsfelden, PDAG, Windisch

Theodor K. (1875–1941) · ohne Titel, undatiert (ca. 1940), Schiff mit Entenkopf, Holzkonstruktion, 40 x 116 x 22 cm, Sammlung Königsfelden, PDAG, Windisch

Theodor K. (1875–1941) · ohne Titel, undatiert (ca. 1940), Schiff mit Entenkopf, Holzkonstruktion, 40 x 116 x 22 cm, Sammlung Königsfelden, PDAG, Windisch

Heinrich L. (7.12.1879–?) · ohne Titel, undatiert, Zeichenheft mit 18 bearbeiteten Seiten, drei Blätter herausgeschnitten, 18,5 x 47 cm, Sammlung Breitenau

Heinrich L. (7.12.1879–?) · ohne Titel, undatiert, Zeichenheft mit 18 bearbeiteten Seiten, drei Blätter herausgeschnitten, 18,5 x 47 cm, Sammlung Breitenau

Albert W. (1888–?) · ohne Titel, Stiefmütterchen, undatiert, Farbstift auf Papier, 7,5 x 15 cm, Sammlung  Wil StASG A 541/1.2.7333

Albert W. (1888–?) · ohne Titel, Stiefmütterchen, undatiert, Farbstift auf Papier, 7,5 x 15 cm, Sammlung  Wil StASG A 541/1.2.7333

Gertrud Schwyzer (1896–1970) · ohne Titel, undatiert, Ärmel und schwarze Handschuhe, Wasserfarbe, Bleistift auf Papier, 21 x 31 cm

Gertrud Schwyzer (1896–1970) · ohne Titel, undatiert, Ärmel und schwarze Handschuhe, Wasserfarbe, Bleistift auf Papier, 21 x 31 cm

Karl T. ( 1884–1965) · La Suisse!, mehrfach eingepacktes Couvert, Collage, beschriftet. Auf der äussersten der vier Verpackungen steht: «Inhalt bitte Abends [sic] 18 Uhr öffnen, / Vaterland! Gott! Freiheit!», 11 x 29,2 cm, Sammlung Wil, Inv. Nr. 77 recto, StASG A 541/1.2.6969

Karl T. ( 1884–1965) · La Suisse!, mehrfach eingepacktes Couvert, Collage, beschriftet. Auf der äussersten der vier Verpackungen steht: «Inhalt bitte Abends [sic] 18 Uhr öffnen, / Vaterland! Gott! Freiheit!», 11 x 29,2 cm, Sammlung Wil, Inv. Nr. 77 recto, StASG A 541/1.2.6969

Fokus

Die Ausstellung ‹Extraordinaire! Unbekannte Werke aus psych­iatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900› im Kunstmuseum Thun ermöglicht den Einblick in das künstlerische Schaffen von Insassen schweizerischer psychiatrischer Einrichtungen von 1870 bis 1930. Sie fusst auf einem Forschungsprojekt und ist eine sozialgeschichtliche Bestandesaufnahme. 

Extraordinaire — oder das Konstrukt Wahnsinn

Seit jeher bestimmen kulturelle, soziale und politische Codes die Präsentationsformen von Kunstinstitutionen und entscheiden über Inklusion und Exklusion. ‹Extraordinaire› wirft nun die Frage auf, wer und was überhaupt gezeigt wird und was ausgeschlossen bleibt. Die Schweiz trug zur Integration von Outsider-Kunst ins aktuelle Kunstgeschehen seit Szeemanns Präsentation der Sammlung Prinzhorn in der Kunsthalle Bern 1963 auf pionierhafte Weise bei. So geniesst die Adolf Wölfli-Stiftung seit 1975 Gastrecht im Kunstmuseum Bern, und seither werden die Zeichnungen und Collagen des wohl bekanntesten Schweizer Aussenseiterkünstlers in grosser Selbstverständlichkeit im Kontext der hauseigenen Sammlungspräsentationen gezeigt. Andere Museen zogen nach, so schloss beispielsweise das Kunstmuseum Solothurn grosse Bestände von Art-Brut-Künstler/innen wie Aloïse Corbaz (1886–1964) in die Sammlung mit ein. Auch im Aargauer Kunsthaus Aarau wird derzeit eine Schau mit Werken aus der Colletion de l’Art Brut Lausanne ergänzt durch Werke aus eigenen Beständen präsentiert. Die Collection de l’Art Brut verdankt ihren Namen dem Maler Jean Dubuffet, der ab den Vierzigerjahren wesentlich zur Entdeckung der Kunst von Aussenseitern beitrug, indem er deren Werke sammelte und mit seiner Schenkung zur Gründung der Collection in Lausanne beitrug. Art Brut wurde zum Sammelbegriff für Werke von ­Laien, die vom Kunstdiskurs unberührt geblieben sind, bei denen Anpassung und Nachahmung keine Rolle spielen. Die Kunstschaffenden schöpfen sowohl thematisch als auch im Hinblick auf die verwendeten Materialien, den Gestus sowie die Umsetzung ganz aus ihrem eigenen Inneren. Im anglo-amerikanischen Sprachraum wurde dafür auch der Begriff «Outsider Art» gebräuchlich.

Sammeln, untersuchen und präsentieren
Einzelne Kliniken legten in der Folge eigene Sammlungen an. Die behandelnden Psychiater bedienten sich zeitgebundener Konzepte und stellten sich die Frage, ob Genialität ein Zeichen von Geisteskrankheit und Wahnsinn sei, oder nutzten die Arbeiten zu Diagnosezwecken. Darüber hinaus verglichen sie die Arbeiten psychisch handicapierter Menschen mit moderner, aussereuropäischer oder mittelalterlicher Kunst. Der Psychiater Walter Morgenthaler stellte die Bilder und Dichtungen seines Patienten Adolf Wölfli (1864–1930) gleichwertig den Kunstwerken damaliger Avantgardisten gegenüber. Diese Wertschätzung zeigte sich auch in seinem privaten Museum in der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern, wo er Texte, Zeichnungen undObjekte sammelte und über einfühlsame Gespräche mit den Künstler/innen versuchte, die Kunstwerke möglichst genau zu dokumentieren.
In der Ausstellung im Kunstmuseum Thun sind nun 180 Werke aus zehn psych­iatrischen Institutionen der Schweiz zu sehen. In die Wege geleitet wurde die Schau durch ein europaweit einzigartiges Forschungsprojekt am Institute for Cultural Studies an der Zürcher Hochschule der Künste unter der Leitung von Katrin Luchsinger. Die Gruppe von Forscherinnen fand in 18 von 25 Schweizer Anstalten über 5000 Zeichnungen, Bilder, Stickereien und Objekte von Insassen, die meist den Krankenakten beigelegt waren. Sie inventarisierten den Bestand und legten eine Bild­datenbank an. Treibende Fragen waren diejenigen nach der Herkunft der Arbeiten, nach Urheberschaft, nach Produktions- und Lebensbedingungen wie auch generell, was diese Werke aus künstlerischer Sicht interessant macht, in welcher Form die Insassen eine eigene Sprache fanden.

Extraordinaire!
Zu Beginn der Ausstellung empfangen uns von der Decke baumelnde (Flug-) Schiffskonstruktionen, die teilweise mit an Wikingerschiffe erinnernden Vogelköpfen ausgestattet sind. Diese und ähnliche bemalte Flugkörper stammen von Theodor K. (1875–1941), Insasse der Heil- und Pflegeanstalt Königsfelden. Anders als Patient/innen, die erst in der Anstalt zu zeichnen, malen, sticken oder stricken begannen, konnte Theodor auf seinen angestammten Beruf als Zimmermann zurückgreifen. Allerdings musste er sich mit dem rudimentär vorhandenen Material begnügen, musste damit improvisieren und bereicherte so seinen eintönigen Alltag. Nicht jeder Psychiater erkannte die Qualität der Werke seiner Patienten. So lautet ein Kommentar in der Krankenakte von Heinrich L. (1879–?) aus der Irrenanstalt Breitenau: «Versucht sich in völligem Misserfolg im Porträt.» Beim Betrachten des asymmetrisch in blauer Ölfarbe gehaltenen Gesichts mit aufgerissenen Augen und nach innen gewandtem Blick, einem konturierten, übergrossen Herzen im entkleideten Oberkörper können wir das nebulöse Konterfei im Hintergrund durchaus auch als ­Alter Ego von Heinrich L. und die farbige Arbeit insgesamt als symbolisches Seelenbild verstehen. Andere Zitate sind heiterer Natur. Insassen sprechen von der Tanzfreude an einem Klinikanlass oder dem vergnüglichen Ausflug mit dem Pfleger. Eine Ausnahmeerscheinung bildet die zur Zeichnerin und Fotografin ausgebildete Gertrud Schwyzer (1896–1970). Wir begegnen ihr in einer Sammlung von Aquarellen und Zeichnungen, die Landschaft, Mobiliar, Figurenporträts, vor allem aber ungewohnte Perspektiven auf eigene Körperteile zeigen. So wandert der Blick beispielsweise über ihre ausgebreiteten Hände, entlang ihres Kleids über die Knie bis zu den Schuhen. In den Akten ist belegt, dass die Künstlerin in der Heil- und Pflegeanstalt Krombach in Herisau Porträts von sich und ihren Kleidern anfertige, damit sie diese nach der Wäsche wieder zurückerhielt. Ihre traumartigen, manchmal auf den Zeichnungen notierten Anekdoten zeugen von einer Parallelwelt, aus der sie Antworten auf ihre Realität schöpft. Sorgfältig gezeichnete und gemalte Tier- und Pflanzenwelten, Kochrezepte, spiritistische Motive und kühne Utopien werden als Ausdruck eines freien Gedankengebäudes wahrgenommen. Manche Arbeiten illustrieren deutlich, dass die Patienten als Menschen, aber auch als Bürger/innen mit Rechten verstanden werden wollten, die etwas zu sagen haben. Franz Sch. (1898–1977), Maschinenzeichner und Musterschüler, fertigt auf Aktenblättern mit teils farbiger Tusche und Goldpapier planähnliche Utopien einer Stadt und Gesellschaftsstruktur an, in der sowohl das geistige ­Eigentum als auch das internationale Kapital, die Praxis und die Wissenschaft vereint wären. Selbstbestimmt unterschrieb er seine Arbeiten mit seinem Namen und setzte visionär die Begriffe «Schweiz» und «Europa» gleichwertig darunter.

Teilhabe an der Öffentlichkeit
Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Schade schreibt in ihrem Katalogbeitrag ‹Kulturanalyse versus Mythen von Künstlerschaft und Wahnsinn›: «Im Rückblick auf die lange Geschichte des Vergleichens in der westlichen Kulturgeschichte von Wahnsinn und Genie, von künstlerischen Produktionen von Irren und Künstlern, das zugleich immer auch ein Einteilen war, zeigt sich, dass das Nachleben von Künstlermythen die jeweiligen Urteile massiv beeinflusst, wenn nicht erst überhaupt erzeugt hat.» Viele der Patient/innen in der Ausstellung sahen ihre Arbeiten als Beitrag zum öffentlichen Leben, was die Ausstellung nun ermöglicht. Sie schafft aber auch für heutige Akteur/innen eine Gelegenheit von Partizipation. Das Vermittlungsprojekt ‹Offene Kunstküche› des Kunstmuseums Thun bietet Menschen mit oder ohne Beeinträchtigung die Option, angeregt durch die Ausstellung oder durch begleitende Kunstschaffende, produktiv zu sein und ihre Werke anschliessend in einem Ausstellungsraum ebenfalls zu zeigen. Die Arbeiten der Patient/innen um 1900 stehen somit in einem interdisziplinären Feld als Brennpunkt der Gesellschaft. Dies ermöglicht das Öffnen eines Kunstfelds mit Teilhabenden unter den Prämissen einer Überwindung der Genieästhetik und des Konstrukts Wahnsinn. Die Ausstellung wandert später ins Lentos Kunstmuseum Linz. Zu hoffen bleibt, dass sie andere Länder auch zu derartigen Aufarbeitungen anregt. Die Fragen nach der Anonymisierung, nach der Präsentation solcher Werke an Kunstanlässen, auch nach aussergewöhnlichen psychiatrischen Behandlungskonzepten werden für Interessierte weiterführend am Symposium ‹Rohe Kunst? Kunst ausserhalb des Kunstbetriebs› im Mai an der Zürcher Hochschule der Künste diskutiert. Umrahmt wird die Tagung durch zwei neue Kompositionen zu Werken Adolf Wölflis, initiiert vom Verein Wölfli, und Musik in einem Konzert mit dem Titel ‹Phantastische Nacht› des Luzerner Ensembles Corund. 

Ursula Meier, Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, ursulamei@sunrise.ch

Bis 
19.05.2019

→ ‹Rohe Kunst? Kunst ausserhalb des Kunstbetriebs›, Museum für Gestaltung Zürich, Vortragssaal,  Symposium, 10.5., 9–19 Uhr; Anmeldung und Programm (Eintritt frei) ↗ www.zhdk.ch/rohekunst

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