Ida Applebroog — Zur Anatomie der Ohnmacht

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Owl, 2018, Ultrachromtinte auf Polyethylen-Folie, 83,8 x 111,8 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Emily Poole

Owl, 2018, Ultrachromtinte auf Polyethylen-Folie, 83,8 x 111,8 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Emily Poole

Woodpecker, 2018, Ultrachromtinte auf Polyethylen-Folie, 137 x 114,1 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Emily Poole

Woodpecker, 2018, Ultrachromtinte auf Polyethylen-Folie, 137 x 114,1 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Emily Poole

Mercy Hospital, 1969, Tinte und Aquarell auf Papier, 35,6 x 27,9 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Emily Poole

Mercy Hospital, 1969, Tinte und Aquarell auf Papier, 35,6 x 27,9 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Emily Poole

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Angry Birds, 2016–2018, Raumaufnahmen Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry

Ida Applebroog im Atelier, New York, 2018. Foto: Emily Poole

Ida Applebroog im Atelier, New York, 2018. Foto: Emily Poole

Fokus

Sie ist Expertin der Verletzlichkeit und ihre Kunst ein fast wortloses Manifest. Ida Applebroog lässt auch mit über 90 nicht da­von ab, sich gegen Ungleichheit, Ohnmacht und Identitätsverlust aufzulehnen. Das Kunstmuseum Thun zeigt zwei Werkserien, die rund vierzig Jahre auseinanderliegen. 

Ida Applebroog — Zur Anatomie der Ohnmacht

Hautlos lagert ihr Wesen in den weissen Flächen, und das Denken gerinnt und stockt auf dem Papier. Während ihres Klinikaufenthalts 1969–1970 sieht man das Schaffen der damals vierzigjährigen Ida Horowitz, Mutter von vier Kindern, in einen embryonalen Zustand fallen: Schwarze Linien umfahren flüssige Farbinseln, deuten diese als Körper ohne Kontur und eindeutigen Zusammenhalt. Die intime Berührung des Papiers und die Aussicht, darin überhaupt etwas entstehen zu sehen, scheinen wichtiger als die Eindeutigkeit der Figuration – doch auch so blickt aus den organischen Wölbungen, aus dem Indiz für Unterleib, Wirbelsäule oder Geschlecht die eigene Auflösung und ringt nach Worten. «me?» steht unterhalb einer liegenden Figur. Gesichtslos, flach und grün verschmilzt Ida mit einer gelben Blase. «Hey, who says all marriages are made in heaven?» Die Handschrift umkreist entlang einer gestrichelten Linie, was von einem Paar vielleicht noch übrig blieb.

Stummes Aufbegehren
Vier Jahrzehnte später hatte ein Assistent der Künstlerin die Skizzenbücher 2009 in einer Kiste entdeckt. ‹Mercy Hospital›, 1969–1970, wurde seither als Serie von über hundert Blättern international ausgestellt. Die Sprachlosigkeit hat Ida Horowitz hinter sich gelassen, um ihren künstlerischen Weg ab 1974 als Ida Applebroog fortzusetzen. Wenn Thun heute ihre Protokolle des Zu-sich-Kommens mit der jüngsten Werkgruppe ‹Angry Birds of America›, ab 2016, kombiniert, unterstreicht die Ausstellung den Blick auf ein Werk, das früh ein Mittel des Widerstands war. Ohne Missstände oder Gewalt immer explizit zu machen, hat Applebroog ihrer Wut – über sexistische Blicke, über die Unbarmherzigkeit von Macht und das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen – Ausdruck gegeben. Äusserst sensibel und mit prononcierter Aggression zugleich raubte sie schon in den Achtzigerjahren dem Bild die letzte Unschuld. Darstellungen vermeintlich typischer Zeitgenossen lud sie mit Verdachts­momenten auf; ihre malerischen Montagen gefundener und erinnerter Gesichter sind Liebeserklärungen an die Normalität, wobei eine expressive Figuration das Antlitz des Gewöhnlichen an den Rand psychologischer Abgründe treibt. Und mit der vielfachen Nachzeichnung ihrer eigenen Scham exponierte sie sich mit der Installation ‹Monalisa› (Hauser & Wirth, New York 2010) nicht zuletzt auch in ihrer entschieden weiblichen Autorschaft. Gleichsam «gerahmt» wird Ida Applebroogs Ausstellung in Thun von künstlerischen Zeugnissen aus psychiatrischen Kliniken der Schweiz. Eine nie gesehene Auswahl von Zeichnungen und Objekten aus 22 Heilanstalten und sechs Jahre Forschung zum Verhältnis zwischen Krankschreibung und Kreation sind die Basis von ‹Extra­ordinaire!› (→ S. 26–31). Von einer liebevoll gestickten Gottheit bis zu Waffe und Werkzeug für die Flucht aus der Monotonie eines fremdbestimmten Alltags spannt sich ein Erfindungsreichtum, der in jeder Krankenakte ein anderes, wenn auch gleich bleibend intensives Narrativ speichert. Solche Nachbarschaft zu Ida Applebroog ist nicht ohne Risiko für die Rezeption ihres Schaffens, das – was ‹Mercy Hospital› angeht – einer Depression entsprang. Doch der Kurzschluss zwischen einer «Kunst der Geisteskranken» und den Protokollen von Applebroogs Erschöpfung bleibt glücklicherweise aus. Zu offensichtlich sind die Unterschiede: Zwischen dem Selbstgespräch einer Künstlerin, die in der Klinik von San Diego Papier, Farbe und fragmentarisch auch Sprache wiederfindet, und den viel zu lange übersehenen Versuchen, aus oft lebenslänglicher Entmündigung und Isolation überhaupt, nach innen oder nach aussen, zu kommunizieren, liegen Welten. In ‹Angry Birds of America› nimmt sich Applebroog des Motivs des Vogels an. Die Installation im grossen, fensterlosen Ausstellungssaal entwirft mit Gipsobjekten, Drucken und Leinwänden eine Ordnung, die einmal am naturkundlichen Museum, dann wieder am White Cube, durchgehend aber am Objekt intensiver Anschauung orientiert bleibt. Die Drucke von überlebensgrossen Spechten, von Fink oder Eule sind manuell so mit Ultrachromtinte und Gel behandelt, dass ihr Gefieder zum bunten wie erstickenden Zauberkleid wird. Der Tod erscheint voller glühender, ja anrührender Opulenz, wobei man sich durch das Glas der Rahmen kaum versichern kann, wie die Körper gewachsen, geschweige denn zu Tode gekommen sind. 

Von der persönlichen zur Naturgeschichte
Seit 2016 entstehen in Applebroogs New Yorker Atelier faustgrosse Vogelkörper aus Draht und Gips. Gleichmässig über eine Wand verteilt, spreizen diese Rohlinge in Thun ihre Flügel. Bunt bemalt und ungeschützt liegen sie auf einem Tisch, einzeln etikettiert wie in einer ornithologischen Sammlung. Natürlich absorbieren die wie Kriegsopfer aufgebahrten und auch die wie in Brutkästen gefassten Vogelporträts die Diskurse über den Zustand der Welt: In ihrer behutsamen Inschutznahme spiegelt sich ein global bedrohter Lebensraum. Belegt das Imitat naturkundlicher Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert noch die Neugierde gegenüber einer kaum bekannten Artenvielfalt, mischen sich in Applebroogs museale Repräsentation im Jahr 2019 Symptome einer kollektiven Lähmung. ‹Angry Birds› ist schön und ist unheimlich an diesem windstillen Ort, im Kunstlicht des Thuner Museumsrundgangs. Es ist Apple­broogs künstlerische Antwort auf das Unvermögen, adäquat auf die ebenso irren wie bedrohlichen politischen Machtverhältnisse in den USA zu reagieren. Eindringlich sprechen der Reichtum der Farben, das sorgfältige Ordnen und das Insistieren auf dem Unikat von einer Verletzlichkeit, die über den Vogel weit hinaus weist. «Vulnerability is a political act», liess die Kuratorin Alexie Glass-Kantor an der Art Basel Hong Kong kürzlich verlauten. Aus dem Kontext zitiert, muss diese Message zwiespältig bleiben, könnte sie doch jede labile Existenz von Verantwortung zur Tat freisprechen. Ida Applebroogs Auszug aus dem Spätwerk aber ruft in einer dezidierten Gebärde zur Besinnung auf. Wenn auch der leblose Vogel nicht stoppen wird, was unsere Medien täglich flutet an absurden Botschaften, an Freiheitsentzug zu Gunsten monetär motivierter Muskelspiele, so macht er doch augenscheinlich: Das Museum will kein Endlager sein, sondern ein öffentlicher Ort der Reflexion. Das Bekenntnis zum Leben entzündet sich auch in einer Ästhetik der Zärtlichkeit.

Isabel Zürcher arbeitet als Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse.
mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
19.05.2019

Ida Applebroog (*1929 in Bronx, New York), lebt in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Mercy Hospital›, Hauser & Wirth, London
2016 Institute of Contemporary Art, Miami
2010 ‹Monalisa›, Hauser & Wirth, New York
1998 ‹Nothing›, Pennsylvania Academy of Fine Arts/Museum of American Art, Philadelphia
1991/92 ‹Bilder›, Ulmer Museum / Bonner Kunstverein / Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin
1990 ‹Happy Families›, Contemporary Arts Museum, Houston

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2012 Documenta 13, Kassel
1994 ‹Against All Odds:The Healing Powers of Art›, Ueno Royal Museum, Tokio
1993 ‹Die Arena des Privaten, Kunstverein München
1991 ‹Myths›, Museum of Modern Art, New York City
1987 Documenta 8, Kassel

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Ida Applebroog 09.02.201919.05.2019 Ausstellung Thun
Schweiz
CH
Künstler/innen
Ida Applebroog
Autor/innen
Isabel Zürcher

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