Konkrete Gegenwart — Konfetti für die Kunst

SUPERFLEX, Walid Raad, Vanessa Billy, Jose Dávila (v.l.n.r.), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv © ProLitteris. Foto: Stefan Altenburger

SUPERFLEX, Walid Raad, Vanessa Billy, Jose Dávila (v.l.n.r.), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv © ProLitteris. Foto: Stefan Altenburger

Besprechung

‹Konkrete Gegenwart› lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Haus Konstruktiv, die anhand von 34 künstlerischen Positionen ein dichtes Netz spannt, das Referenzen aus der konstruktiv-konkreten bis hin zur konzeptuellen Kunst auf vier Etagen zusammenführt.

Konkrete Gegenwart — Konfetti für die Kunst

Zürich — Beim Betreten des Museums Haus Konstruktiv ist man erst mal überwältigt: von der grossen Vielfalt an künstlerischen Praxen und den dichten historischen Referenzen. Konstruktiv, konkret, konzeptuell – doch was war noch mal was? Und welche Rolle spielen diese Strömungen heute? In der Mitte des ersten Raums stehen achtzig weisse Stühle auf einem Podest. Es handelt sich um unautorisierte Repliken von Arne Jacobsens ‹Ant Chair›, die das dänische Künstlerkollektiv SUPERFLEX bearbeitet und dem Original angenähert hat. Die weggesägten Teile liegen samt Sägemehl auf dem Boden. Links und rechts wird die Installation von zwei palmenartigen Plastiken der Schweizerin Vanessa Billy flankiert. Dicke Kabelstränge führen als kompakte Stämme in die Höhe und fransen dann wie zerzauste Palmblätter aus. Bereits diese beiden Arbeiten referieren ebenso auf die konstruktiv-konkrete Kunst der Avantgarde wie auf die Konzeptkunst der Sechzigerjahre: in ihrer Experimentierfreude mit neuen Materialien, in der Betonung nicht der fertigen Arbeit, sondern der Idee, die dazu führte. Der Gedanke, dass die Kunst Traditionen überwinden sollte, wurde bereits mit der Russischen Revolution 1917 in die Tat umgesetzt. Denn die neue Gesellschaft musste auch neue Formen der Darstellung haben: Kunst sollte nicht mehr figurativ sein, sondern konstruktivistisch, funktional. Dies ging mit einer präzisen, formalen Ausarbeitung einher, die später in der konzeptuellen Kunst wieder aufgegriffen wurde. Doch während damals ein politischer Umbruch neue künstlerische Herangehensweisen hervorbrachte, sind es heute globale Strömungen wie die Digitalisierung. So macht Vanessa Billy die Infrastruktur sichtbar, welche die globale Vernetzung ermöglicht und mit der wir uns an fremde Orte projizieren können – sogar an einen Strand in der Karibik. Dieses Thema greift auch SUPERFLEX auf: Denn der Umgang mit geistigem Eigentum wird durch die zunehmende Verfügbarkeit von Bildmaterial immer wichtiger. Die Ausstellung zeigt 34 Positionen, die mit Gestaltung und Wahrnehmung spielerisch umgehen. Während Timo Nasseri einen Raum mit Spiegelfragmenten ausstattet, die kein vollständiges Abbild zulassen, lässt Lara Favaretto einen Kubus aus Konfetti anfertigen, der kompakt wirkt, mit der Zeit aber seine Form verliert. So ­lehnen die Kunstschaffenden an ihr historisches Erbe an – und lassen daraus Neues entstehen. Denn ähnlich wie damals im Konstruktivismus braucht es auch heute geeignete Darstellungsformen, um den Zeitgeist zu vermitteln. 

Bis 
05.05.2019
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KONKRETE GEGENWART 07.02.201905.05.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
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