Papagena und andere schräge Vögel

Bühnenbild von Bernhard Vogelsanger zu Puccinis ‹Tosca›, 1. Akt. Foto: Emanuel Ammon

Bühnenbild von Bernhard Vogelsanger zu Puccinis ‹Tosca›, 1. Akt. Foto: Emanuel Ammon

Bernhard Vogelsanger in seiner ‹Schwamendinger Oper›. Foto: Oliver M. Meyer

Bernhard Vogelsanger in seiner ‹Schwamendinger Oper›. Foto: Oliver M. Meyer

Besprechung

Rund um die kaum bekannte ‹Schwamendinger Oper› von Bernhard Vogelsanger werden Arbeiten von anderen Kunstschaffenden gezeigt, die um das Thema Oper, Tanz, Kostüme und Lebenstheater kreisen. Leidenschaft und Idealismus trieben ihr Schaffen an und sie realisierten unkonventionelle Gesamtkunstwerke.

Papagena und andere schräge Vögel

Zürich — Empfangen wird das Publikum im Foyer von zwei skurrilen, lebensgros­sen, beeindruckenden Figuren. Angefertigt vom Maskentänzerpaar Lavinia Schulz (1896–1924) und Walter Holdt (1899–1924) aus billigen Textilien, Sperrholz und Abfallprodukten, dienten sie ihnen als Ganzkörpermasken. Damit revolutionierten sie die Tanzkultur Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihre künstlerischen Darbietungen waren unentgeltlich, weil sie «Geld und Geist» für unvereinbar hielten. Doch an diesem Idealismus scheiterte das Künstlerpaar tragisch: Aus purer materieller Not und trotz der Existenz eines zehn Monate alten Sohns erschoss Lavinia Schulz 1924 ihren Ehemann und erlag später den sich selbst zugefügten Schussverletzungen.
Von nicht minder grossem Idealismus war der selbsternannte «Impressario der Schwamendinger Oper», Bernhard Vogelsanger (1920–1995), beseelt. Der als sonderbarer Kauz bekannte, extravagant gekleidete Dekorateur betrieb die ‹Schwamendinger Oper› in der kleinen Dreizimmerwohnung, die er mit seiner Mutter teilte. Anfänglich gestaltete er heimlich unzählige bekannten Opernfiguren aufwändig aus Karton. Im Repertoire hatte er rund achtzig Opern, Operetten und Musicals, die er zu Musik vom Grammofon nachspielte. Der Zuschauerraum war mit rotem Krepppapier ausgekleidet, acht ausrangierte Kinostühle dienten als Theaterbestuhlung. Vierzig Jahre lang lud er samstags Freunde zu seinen Vorstellungen ein, fertigte dafür eigens Plakate, stand hinter einem schwarzen Vorbau mit Gucköffnung und zog die Figürchen an Fäden über die Bretter der Miniaturbühnen. In der Pause offerierte er seinem Publikum Sekt und üppig dekorierte Brötchen. Als er sich die Leckereien nicht mehr leisten konnte, ersetzte er sie durch wiederverwendbare Plastikimitate. Darauf spielen die fast echt wirkenden Häppchenattrappen von Dominique Kähler-Schweizer alias Madame Tricot (*1948) und der Zürcher Keramikerin Rosa Bär (*1938) an. Auf subversive Art brachte die !Mediengruppe Bitnik mit der Aktion ‹Opera Calling› hoch subventionierte Opernaufführungen unters Volk: Im März 2007 versteckten sie Wanzen im Zürcher Opernhaus und bescherten via Telefonanruf willkürlich ausgewählten Leuten zu Hause eine Direktübertragung. Mit diesem höchst vergnüglichen Hackerangriff, der sie beinahe vor Gericht brachte, fragten sie nach den Eigentumsrechten von Kultur. Ob nicht vielleicht doch Bitnik dazu beitrug, dass heute der «Pöbel» in Zürich Public Viewings aus der Oper miterleben kann? 

Bis 
28.07.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Papagena und andere schräge Vögel 16.01.201928.07.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Bernhard Vogelsanger

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