Reality Check

Jean Tinguely · Totem No. 2 oder Dr wild Ma, 1960 © ProLitteris

Jean Tinguely · Totem No. 2 oder Dr wild Ma, 1960 © ProLitteris

Jacques Villeglé · De Raphaël à Mathieu, 1965 © ProLitteris

Jacques Villeglé · De Raphaël à Mathieu, 1965 © ProLitteris

Hinweis

Reality Check

Winterthur — Das Kunst Museum betitelt seine aktuelle Sammlungspräsenta­tion, die sich sinnlicher Wirklichkeitserfahrungen anhand von Kunst widmet, mit dem salopp über die Lippen gehenden ‹Reality Check›. In der Schau werden nicht Fakten mit Meinungen abgeglichen oder Machbarkeitsanalysen durchgeführt, sondern Kunstwerke vorgestellt, deren Alltagsbezug und materielle Realität einen wesentlichen Teil der Aussage bildet. Zu Beginn des 20.Jh. provozierte Marcel Duchamp (1887–1968), Dadaist und Konzeptkünstler avant la lettre, das Publikum, indem er alltägliche Gegenstände, etwa ein Urinal, zweckentfremdete und als künstlerische Objekte präsentierte. Er «hackte» sozusagen den Kunstkontext. Das Readymade war geboren. Den Auftakt der Schau machen Werke des Nouveau Réalisme. Protagonisten dieser Strömung wandten sich von der informell-abstrakten Malerei ab und alltäglichen Materialien zu. Sie proklamierten in ihrem Manifest von 1960 eine «neue Annährung der Wahrnehmungsfähigkeit an das Reale». Mitunterzeichner waren u. a. Raymond Hains (1926–2005) und Jacques de la Villeglé (*1926), die bereits in den Fünfzigerjahren Plakate von den Wänden rissen und daraus Arbeiten fertigten. Ein «Affichist» war auch Mimmo Rotella (1918–2006), der sich 1961 den Noveaux Réalistes anschloss. Weiter gehörten der Bewegung Jean Tinguely (1925–1991) und Daniel Spoerri (*1930) an. Während Ersterer Metallabfälle zu absurden kinetischen Plastiken wie dem ‹Totem No. 2 oder Dr wild Ma› verarbeitete, schuf Letzterer sogenannte ‹Fallenbilder›, die mit gekippten Tischplatten mitsamt Geschirr und Essensresten den Moment eines Gelages einfrieren. Das herausragende Werk in diesem Raum ist jedoch Dieter Roths expressives, einer Material­schlacht nahekommendes ‹1978 angefangenes Trauerbild› (1978–1979). Im nächsten Saal sind dezente Arbeiten von Imi ­Knoebel (*1940), Luciano Fabro (*1936), Richard Artschwager (1923–2013) sowie von Eva Hesse (1936–1970) zu sehen, die sich gegen John Chamberlains (1927–2011) aus bunt lackierten Schrottteilen zusammengeschweisste Assemblagen behaupten müssen. Das Kabinett umkreist das Thema Readymade: Von Richard Hamilton (1922–2011) sind Objets trouvés mit dem Namen ‹Richard› ausgestellt und von Marcel Duchamp Miniaturkopien seiner eigenen berühmten Werke. Der letzte Raum ist der Gegenwartskunst gewidmet: Pedro Cabrita Reis (*1956) verweist mit einer aus standardisierten Baumaterialien hergestellten Raumkonstruktion auf die heutige Bauweise, Reto Boller (*1966) auf die Uniformität von Arbeitsbekleidung und Manfred Pernice (*1963) auf die Faszination der Dose, der schon Andy Warhol (1928–1987) und vor ihm Pandora erlag.

Bis 
22.04.2019

Werbung