Stadtprojektionen III — Nächtliche Bilderreisen

Lina Scheynius · Amanda in Switzerland, Summer 2013, Fotoprojektion, Stadtprojektionen II, St. Gallen, 2017

Lina Scheynius · Amanda in Switzerland, Summer 2013, Fotoprojektion, Stadtprojektionen II, St. Gallen, 2017

Agnes Nyrenius · ohne Titel, 2017, Video, Stadtprojektionen II, St. Gallen 2017

Agnes Nyrenius · ohne Titel, 2017, Video, Stadtprojektionen II, St. Gallen 2017

Besprechung

Zum dritten Mal laden im April die ‹Stadtprojektionen› zu Entdeckungsreisen in St. Gallen ein. Die jungen Kunsthistorikerinnen Anna Vetsch und Nina Keel entwickelten das Projekt, das mit fotografischen und filmischen Projektionen jeweils für wenige Nächte Kunst im öffentlichen Raum erleben lässt.

Stadtprojektionen III — Nächtliche Bilderreisen

St. Gallen — Grundidee ist es, mit Foto- und Filmarbeiten, die nachts auf Hausfassaden projiziert werden, zu neuen Blicken auf verschiedene Stadtteile von St. Gallen anzuregen. Subtil und ohne die Kunst zu instrumentalisieren, lenken die ‹Stadtprojektionen› die Aufmerksamkeit auch auf historische, soziokulturelle und städtebauliche Aspekte. Bewusst wählen die Kuratorinnen nicht repräsentative Bauten aus, sondern suchen versteckte Winkel, die auch Einheimischen eine Entdeckungsreise ins Unbekannte ermöglichen. In Zusammenarbeit mit den Künstlern/innen aus dem In- und Ausland werden die Werke ausgewählt oder teilweise neu geschaffen. 2016 bespielten sie das historische Zentrum der Stadt, dann das frühere St. Galler Rotlichtviertel Linsebühl. Dieses Jahr steht das Quartier Lachen nordwestlich des Bahnhofs im Fokus. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt, war es bis in die Fünfzigerjahre von Gewerbe, einigen industriellen Betrieben sowie einfachen Wohnbauten geprägt. Heute ist es ein multikulturelles Quartier mit wesentlich erhöhtem Ausländeranteil gegenüber dem städtischen Durchschnitt und zunehmendem Gentrifizierungsdruck durch neue Wohnüberbauungen. Das Zentrum – von der vielbefahrenen Zürcherstrasse durchschnitten – bildet die Post mit umliegenden Geschäften. Architektonisch bietet die Gegend, mit einigen Ausnahmen, wenig Aufregendes. Hierher nun führt uns also die Entdeckungsreise. Da wird es magische Momente geben, wenn aus der Dunkelheit der Nacht Simone Kappelers weisse Pfauen aus tiefrotem oder blauem Grund aufscheinen. Conradin Frei lenkt mit seinen stillen alltäglichen Impressionen den Blick auf Unscheinbares. Zitronen leuchten hinter feuchten Scheiben auf, oder eine grelle Fassade am blauen Himmel. Andere Arbeiten thematisieren die Interpretation und Wahrnehmung von Bildern, wie die scheinbar Flüchtenden von Daniela Keiser oder Uriel Orlows Film ‹Veilleurs d’images›. Die in seinem Film auftretenden «Wächter von Bildern» sind Gefängnisinsassen, die an der Archivierung historischer Fotografien arbeiten. «Diese Bilder lassen neue Orte entdecken. Das ist auch ein Weg, von hier wegzukommen und zu reisen. Die Fotos wecken Erinnerungen – ähnlich wie Prousts ­Madeleine», so das Zitat eines Gefangenen. Es könnte programmatisch für die ‹Stadt­projektionen› stehen.

→ ‹Stadtprojektionen›, 18.–21.4.; mit Podiumsdiskussion zum Thema ‹Lichtphänomene im Stadtraum› im Architekturforum sowie Projektionen von Beni Bischof (dessen Atelier in diesem Quartier liegt) im Foyer der Kunst Halle Sankt Gallen, am 8.4. ↗ stadtprojektionen.ch

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