Amuse-bouche — Im Sinne der Sinne

Janine Antoni · Lick and Lather, 1993 (links); Mortar and Pestle, 1999 (rechts). Foto: Gina Folly

Janine Antoni · Lick and Lather, 1993 (links); Mortar and Pestle, 1999 (rechts). Foto: Gina Folly

Elizabeth Willing · Goosebump, seit 2011, interaktive Installation, Pfeffernüsse, Zuckerguss. Masse variabel. Courtesy Tolarno Galleries Melbourne 

Elizabeth Willing · Goosebump, seit 2011, interaktive Installation, Pfeffernüsse, Zuckerguss. Masse variabel. Courtesy Tolarno Galleries Melbourne 

Besprechung

Lecker, Kunst: Wenn eine Wand grossporige Gänsehaut bekommt, ein Blumenbeet zur Delikatess-Bar wird und Gerüche auf einmal zum flüssigen Geschmackserlebnis kondensieren. Durch das Antasten des einen werden weitere Sinne angesprochen und unsere Imaginationskraft erwacht wie Geträumtes.

Amuse-bouche — Im Sinne der Sinne

Basel — Mehr als eine Vorspeise: Alle erdenklichen Facetten des Schmeckens und damit verbundene sinnliche und körperliche Assoziationen werden in der Ausstellung ‹Amuse-bouche› stilsicher vermittelt. Wir werden durch verschiedene Themenräume geführt; ihre Ordnung orientiert sich an den fünf Geschmacksrichtungen: sauer, salzig, bitter, süss und umami (würzig). Hinzu kommen etwa die «Geschmäcker der Begierde», des «Fremden» und Beispiele aus der Eat Art. Insgesamt sind mit etwa 120 Werken mehr als 50 internationale Kunstschaffende im Museum Tinguely ausgestellt. Die Gänsehaut der Ausstellungswand entpuppt sich als Installation von mit Zuckerguss «angeleimten» Pfeffernüssen, die partizipativ abgeknabbert werden dürfen. Daneben: ein Stand mit essbaren Pflanzen und einer mit laborartigen Geräten zur ­Geschmacksdestillation von Stoffen wie Moos und Holz. Gleich zu Ausstellungs­beginn werden wir verführt – mit einer erotischen Verschmelzung aus amouröser und kulinarischer Lust. Dabei strömt einem der süss-säuerliche Geruch von Alexandra Meyers ‹Butter› – erzeugt aus tierischer und menschlicher Milch – in die Nase. Im Hintergrund lässt Andy Warhol einen Jüngling begierig in eine Banane beissen. ­Neben einer Selbstporträtbüste aus Schokolade, vom Mund der Künstlerin Janine Antoni modelliert, und einer weiteren aus Seife hängt die Fotografie einer Zunge, die einen ihr fremden Körper abtastet. Auch die Abbildungen von Farah Al Qasimi zeigen Verführerisches: Es sind bloss Früchte, deren Darstellungen jedoch – zum Teil geöffnet und ihr «Fleisch» preisgebend –intensiv mit unserem Vorstellungsvermögen spielen.
Später folgen Klassiker wie Daniel Spoerri, Meret Oppenheim und schliesslich Dieter Roth: Denn zur Auseinandersetzung mit dem Geschmackssinn gehören auch Ekel und Abstossung. Ein Video von Sam Taylor-Johnson zeigt im Zeitraffer, wie Obst in einer Schale – ein klassisches Stillleben also – vom Schimmel befallen wird. Schwarz ist das Bier, das in einer Art Kunst-Werbefilm von Emeka Ogboh auf exotisch-traditio­nelle Weise angepriesen wird. Und in einer Performance von Otobong Nkaganga erfahren wir etwas über die Geschichte der Kolanuss und dürfen sie sogar probieren. Manchmal nah an der Grenze zwischen Täuschung und purem Erleben bewegt sich diese synästhetische Ausstellung – zwischen historischer und zeitgenössischer Kunst: multiperspektivisch, multimedial, vor allem aber multisensorisch und grösstenteils lecker. 

Bis 
17.05.2020

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